#NYFW: Wie wichtig sind Fashion Weeks und Runways noch?

Da ist er ja, der Fashion Month. Die September-Ausgaben liegen in den Kiosken bereit, die Blogger haben ihre Koffer mit bunten Kleidern vollgepackt und die Näherinnen sitzen nächtelang an den Nähmaschinen und vollenden die letzten Entwürfe für die Runway-Shows – Hektik liegt in der Luft, genauso wie das Geknipse der Kameras von Streetstyle-Fotografen – die Modebranche ist im Big Apple angekommen. Die erste Fashion Week der vier großen Internationalen läuft gerade auf Hochtouren.

Doch wie interessant sind Fashion Weeks überhaupt noch? Runway-Reviews und Trend-Reports sind im Gegensatz zu persönlichen Artikeln nicht die meistgelesenen auf Journelles, kommentiert wird nur sehr selten, diskutiert schon gar nicht. Tangiert das Thema Fashion Week keinen?

In der Redaktion verliert man dafür schnell den Blick, schließlich beschäftigen wir uns 24/7 mit dem Thema, können Shows bestimmter Designer kaum abwarten und haben alle eine starke Meinung zu Kollektionen. Aber auch das nimmt in letzter Zeit ab: Wer das Handy mal kurz zur Seite legt und sich keine Shows auf Instagram Live ansieht, hat nicht das Gefühl, irgendetwas zu verpassen. Ganz im Gegenteil. Das Leben geht auch ohne Modezirkus weiter.

Sind Fashion Weeks bald tot?

Denn wer interessiert sich überhaupt noch für die neuesten Kollektionen, die auf dem Runway präsentiert werden? Reichen Lookbooks und ein cooler Instagram-Account der Labels nicht aus?

Wenn man sich die New Yorker Modewoche ansieht, könnte man auf den ersten Blick genau das denken. Der Schauenplan: einen Tag kürzer als noch in der letzten Saison. Die großen Modehäuser wie Rodarte, Proenza Schouler und Altuzarra wandern aus der Metropole ab und zeigen ihre Kollektionen lieber in Paris und zu anderen Zeiten, wie z.B. während der Haute-Couture-Woche, wir berichteten hier. Tommy Hilfiger bevorzugt London, Promis in der Front-Row: Fehlanzeige. Was ist nur los mit dem Big Apple? Und mit dem Konzept der traditionellen Fashion Week?

„Normale“ Runway-Shows und Kollektionspräsentationen gibt es zwar noch, sie werden aber immer rarer. Models, die monoton hintereinander über den Laufsteg gehen sind zwar nett anzusehen, Emotionen und Begeisterungsrufe löst das aber schon lange nicht mehr aus – stattdessen will man unterhalten werden. Von vorne bis hinten. Von der Location, über die Models bis hin zur Laufsteg-Performance und der Mode – the bigger the better. Denn nur so erzeugt man Medienpräsenz, Reaktionen, wird auf Instagram gefeatured und in der Branche gefeiert. Der Beweis? Der kommt hier:

Desigual x Jean-Paul Goude

Fotos: Desigual

Gut, an dieser Stelle verraten wir euch vermutlich kein Geheimnis: Wir sind nicht unbedingt Desigual-Fans. Trotzdem schaffte es das spanische Unternehmen mit einer spektakulären Performance auf unseren Bildschirm und ins Gedächtnis – Respekt! Grund dafür war die Kooperation mit dem französischen Künstler Jean-Paul Goude, der die Mode in Anlehnung an verschiedene Nationen und Volksstämme entwarf und sich gleich dazu noch eine verrückte Choreografie für die Models ausdachte. Die Kollektion bleibt weiterhin Geschmacksache, aber für die ausgefallene Inszenierung können wir Desigual nur applaudieren, denn das vergessen wir so schnell nicht.

Fenty x Puma

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Rihanna wäre nicht Rihanna, wenn ihre Show aus einem geraden Catwalk bestehen würde. Stattdessen flogen zwischen pinken Sanddünen Motocross-Fahrer durch die Lüfte, während Models lederne Bikerjacken, Badeanzüge mit Cut-Outs, geschnürte Cargohosen und Motorrad-Overalls präsentierten.  Ein paar Surf-Anleihen ließen sich in hautengen Bodysuits auch noch finden, Stichwort Athleisure.

Dank Benzingeruch, Motorenlärm und umherfliegenden Sandkörnern sicherlich eine Show für alle Sinne. Der krönende Abschluss: BadGalRiRi auf dem Motorrad mit herausgestreckter Zunge. Der Popstar mag es gerne riskant, provokant und laut und zeigt das auch in seiner neuen Kollektion – ein Adrenalinstoß, den die New Yorker Modecrowd dringend nötig hatte. Etwas anderes hätten wir von der ersten Frau, die den „Footwear New Award“ mit Puma jemals gewann, nicht erwartet.

Fotos: Vogue Runway

Tom Fords Comeback

Fotos: Vogue Runway

Während viele große Namen der amerikanischen Designer nicht mehr im Schauerplan der New York Fashion Week auftauchen und stattdessen in den europäischen Modemetropolen zeigen, macht einer genau das Gegenteil: Tom Ford. Der zeigte in den letzten Saisons nur seine Lookbooks, feierte jetzt aber sein ganz großes Comeback auf dem Runway. Schon einen Tag vor dem offiziellen Kick-off der Modewoche verwandelte er das Kulturcenter Park Avenue Armory zum Hotspot der Fashion Crowd.

Cindy Crawford, Kim Kardashian, Gigi Hadid und Kendall Jenner – die Front Row rückte die Mode vielleicht etwas in den Hintergrund, trotzdem blieb der ehemalige Chefdesigner von Gucci seinem Stil treu: Bodys mit tiefem Dekolleté, hohe Beinausschnitte, Hosen aus schimmernden Materialien und pinke Power-Looks ließen die 80er-Jahre wiederaufleben.

Der Influencer Catwalk bei Rebecca Minkoff

Mittlerweile ist Caro Daur nicht nur ein erfahrenes Streetstyle-Motiv, sondern auch ein professionelles Runway-Model. Bei Dolce & Gabbana feierte die 22-Jährige ihren internationalen Durchbruch, keine Frage also, dass auch Rebecca Minkoff sie nach New York einlud, um für sie zu laufen. Caro brachte dann auch gleich ein paar Freunde mit und schon wurde aus einer gewöhnlichen Kollektionspräsentation eine Influencer-Modenschau.

Dafür war das Bildmaterial der Kollektion äußerst schwierig zu finden, von Vogue Runway wurde die Show komplett ignoriert. Auch sonst war die mediale Präsenz der Show in den Sozialen Medien eher klein, kein Wunder, denn wenn die Instagrammer selbst laufen, ja, wer macht denn dann die Fotos?!

Foto: Mansur Gavriel

Mansur Gavriel goes Ready-To-Wear

An dieser Stelle halte ich mich mal kurz, denn über Mansur Gavriels Kollektion hatte ich ja schon hier berichtet und die Frage beantwortet, ob die erste Ready-To-Wear-Kollektion mit den It-Accessoires des Labels mithalten kann. Die Show war im Vergleich zu Fenty x Puma und Rebecca Minkoff klassisch schlicht gehalten, hatte dafür aber genauso wie Minkoffs Kollektion einen riesigen Vorteil: See now buy now.

Kurzum: Die gerade gezeigten Entwürfe konnte man sofort vor Ort und online kaufen, was die gezeigte Mode und Fashion Week besonders für eine Zielgruppe interessant macht, die den Rummel sonst (im Großteil) gar nicht auf dem Schirm hat: die Endkonsumenten, sprich Kunden. Das Konzept ging auf, die Mäntel sind auf Net-A-Porter schon zum Großteil ausverkauft.

Doch auch neben den großen Namen gab es auf der New Yorker Fashion Week tolle Kollektionen zu bestaunen. Eine Entwicklung, die im konsumstarken Amerika, in dem traditionelle Markennamen wie Tommy Hilfiger, Ralph Lauren und Michael Kors Imperien besitzen, sehr positiv ist. Newcomern wird eine internationale Plattform geboten, die sie so bisher nur abseits der offiziellen Schedule in kleinen, stickigen Showrooms hatten – und damit keine Journalisten der großen Print- und Onlinemedien locken konnten.

Ganz oben auf unserer Labelwatch-Liste: Simon Miller, der zwar schon in unserem Herzen einen Platz für seine Taschen hat, jetzt aber noch einmal mit Ready-To-Wear-Mode punktet, obwohl der Ursprung der Brands bei Denim lag. Was seitdem geblieben ist? Tragbarkeit. Die Gründer Chelsea Hansford und Daniel Corrigan legten den Fokus auf eine klare Farbpalette (Emerald, Ocker, Kornblumenblau und Pink) und natürliche Materialien wie japanisches Leinen, Strick und bedruckte Seide.

Fotos: Simon Miller via Vogue Runway

Ebenso entdeckt und neu verliebt haben wir uns in Sies Marjan. Dahinter steckt der niederländische Designer Sander Lak, der seine Kollektion im eigenen Atelier präsentierte. Obwohl es erst die vierte Saison für das Label ist, gibt es schon einiges vorzuweisen: neben einer Ready-To-Wear-Kollektion eine eigene Schuhlinie und seit neuestem auch Männermode. Was uns begeistert hat: die ausdrucksstarken Farben, interessante Strukturen bei Stoffen und Materialien – crinkle und crumple – und feminine Kleider mit Raffungen und Drapierungen.

Fotos: Sies Marjan via Vogue Runway

Vielleicht ist der Weggang der ehemaligen Zugpferde der New York Fashion Week eben doch nicht der Todesstoß, sondern der Stein, der alles ins Rollen bringt: frischen Wind, neue Brands, moderne Mode und starke Statements.

Denn gerade diese Fashion Week ist ja nicht nur ein Event des Kommerzes, sondern auch eine Message für die aktuelle politische Situation in den USA. Schon lange war keine Fashion Week im Big Apple mehr so divers, provokant und vielseitig.

Frauen, Einwanderer, Homosexuelle – alles wogegen Trump gerade wettert, wurde in Runway-Shows thematisiert: Raf Simons verbildlichte den amerikanischen Horror mit seiner Kollektion für Calvin Klein, Opening Ceremony zeigte Liebespaare in all ihren Facetten, Chromat setzte mit seinen kurvigen Models ein Zeichen gegen Body-Shaming, bei Dian Pelangi liefen Models mit Kopftuch und Eckhaus Latta castete seine Models auf der Straße und beschrieb seine Entscheidung dazu so:

Foto: Chromat via Vogue Runway
Foto: Opening Ceremony
Foto: Eckhaus Latta

It’s nice to have that range of different bodies, genders, races, ages and to show the clothing in a manner that’s not: „This is it. This is it“. It’s real, and it’s how you’re walking down the street, it’s who you’re engaging with.

Mike Eckhaus

Und gerade diese Range an verschiedenen Typen, großen und kleinen Labels, hellhäutigen und dunklen Models, Kurven, Influencern und Models macht die New York Fashion Week interessant. Proenza Schouler, Givenchy, Rodarte – der Weggang der großen amerikanischen Brands ist für die #nyfw viel mehr eine Chance, sein Image zu überdenken.

Weg vom American Dream, dem Konsum, Kommerz, dem Celebrity-Wahn, hin zu einer Modewoche, die kulturell und politisch Statements setzt, Medienwirksamkeit erzielt und damit für alle Fashion Weeks verkündet: Wir sind wichtig und wollen gehört werden!

Weil Models so viel mehr sind als nur Kleiderständer, Influencer so viel mehr als Fotomotive und Mode so viel mehr ist als Kleidung. Sie ist ein Ausdruck unserer Haltung. Die in Zeiten wie diesen laut in die Welt hinausgeschrien werden muss.

Kommentare

  1. Was für ein toller, informativer, gut recherchierter und super geschriebener Artikel! Vielen lieben Dank dafür. Die Entwicklung ist wirklich interessant. Mal sehen, wohin die Reise geht. Ich persönlich lese eure Runway Berichte super gerne und finde sie immer sehr interessant aufbereitet. Aber das ist vermutlich wirklich eher ein Nischenthema, was allerdings, wie ich finde, unbedingt auf einen Modeblog gehört und dort auch bleiben sollte. Nur falls ihr überlegt, nicht mehr zu berichten. 😉 Das wär wirklich schade. Liebe Grüße, Neele

  2. Bei Proenza Schouler und Rodarte handelt es sich nicht um ein Abwandern nach Paris, beide Labels waren sogenannte Guest Member im Rahmen der Haute Couture-Schauen in Paris. Wer da wann, wie und wo teilnehmen darf, wird von der „Fédération de la Haute Couture et de la Mode“ streng verwaltet. Von einem Überdenken des Image gehe ich daher nicht aus, wenn die Labels in den Big Apple zurück kehren.

  3. Ihr Lieben, auch ich danke für diesen fundierten, sehr informativen Artikel….für mich ist in erster Linie die Mode-Berichterstattung der Grund, Euch und andere zu lesen. Bleibt dabei. Bitte!
    Ich glaube, der (Fashion-)Wagen rollt mit Volldampf auf die Klippe zu und es wird definitiv zum Crash kommen. Der Internet/Instagram/ Influencer-Wahnsinn wird das Business, wie es jetzt ist, killen. Da braucht man qualifizierte Beobachter (wie Euch), die einen kühlen Kopf behalten und einfach BERICHTEN, was vor sich geht.
    Bin gespannt! su

  4. Hi, liebes Team!
    Ich finde durchaus nicht, dass Fashion Week und Runway Shows bald over sind, oder an Intensität verlieren! Darauf warten alle Sehnsüchtig, auch die „großen Influencer“, denn schließlich wollen wir die kommende Trends sehen. Vielleicht liegt es an meinem Alter, oder auch daran, dass ich letztens alle meine Print Zeitschriften seit den letzten 10 Jahren (!) wieder sortiert und durchgestöbert habe, aber wie schon die Jessi gesagt hatte, Instagram/ Influencer usw., dass sind alle Erscheinungen, die kommen und gehen werden! Heute sind sie da, morgen kommt was neues. Darauf würde ich nicht aufbauen oder so viel festhalten!
    Ich meine wie viele von den Follower von Caro kennen sich bitte mit Mode aus?! Interessieren ist was anderes, ich meine sich auskennen! Wie Katja von R29 geschrieben hatte in ihrem Artikel: „Warum ich 2017 keinen Modeblog mehr starten würde“: gut recherchierte Texte über Mode findet man kaum auf Blogs, nur noch auf Online Mode Portale wie eures. Bitte bleibt am Ball! Ich schreibe gerne über Mode! Vielleicht bin ich keine Expertin, doch ich kann mich noch daran erinnern als wir damals dank Kabel Fernsehen Fashion TV hatten und ich den ganzen Tag Modeshows rauf und runter sah! Oder als Supermodels noch Super waren 😉
    LG
    Kostantina
    http://evasgirlblog.blogspot.de/

    • Dem kann ich nur zustimmen! Das Problem an der jetzigen Entwicklung ist, wie ich finde, dass es eben kaum noch eine kritische und konstruktive Auseinandersetzung mit den Kollektionen gibt. Auf den Instastories gibt´s nur noch „Wow!“, „Great!“, „Love the collection!“, „So inspiring!“ etc., gefühlt unabhängig davon, was da auf dem Laufsteg gezeigt wird. Zum einen fehlt sicherlich das Know-how, um sich tiefergehender mit den Kollektionen auseinandersetzen zu können, zum anderen natürlich auch das Interesse, denn man möchte ja schließlich weiterhin eingeladen werden und nicht seinen Auftraggeber verlieren. Ist also eine gewisse Abhängigkeit da.
      Ich finde es sehr schade, dass sich das Ganze immer mehr in diese Richtung entwickelt, und, wie meine Vorrednerin bereits anmerkte, man nach gut recherchierten Artikeln eher suchen muss… Deshalb lese ich auch so gern Journelles, macht weiter so!

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