Das Erbe von Colette: Wie der Concept-Store den Einzelhandel revolutioniert hat

Am 20. Dezember schloss der „erste Concept -Store der Welt” für immer seine Türen. Doch Colette hat den Weg bereitet für eine ganz neue Form des Einzelhandels

Die Nachricht über das Aus von Colette wurde am 12. Juli 2017 stilecht über den hauseigenen Instagram-Kanal kommunizert. Colette Rousseaux, die mit ihrer Tochter Sarah Andelman im März 1997 den Vorreiter aller Concept-Stores gründete, wolle in Zukunft mehr Zeit für sich haben; und ohne Colette Rousseaux kein Colette. Es war ein überraschender Abgang, zu einer Zeit, in der das Mekka der Modejünger in der 213 Rue St. Honoré noch lange nicht am Ende seines Erfolges angekommen war. Im Gegenteil.

Es ist gleichsam aber genau jener Pragmatismus, der Colette in den vergangenen 20 Jahren zu dem gemacht hat, was es war und ist: eine Institution, Opinion-Leader, Tonangeber und Sprungbrett für viele junge Talente. Über das Ende von Colette wurde viel geschrieben, wir möchten mit diesem Artikel vielmehr auf das Erbe des Stores blicken. Der dreistöckige Pariser Laden nahe den Jardin des Tuileries hat es immerhin geschafft, den Einzelhandel auf eine komplett neue Ebene zu heben.

Colette war von Anfang an mehr als nur ein Laden. Man ging nicht einfach zu Colette einkaufen, man tauchte in ein Universum ein. Das Geheimnis? Die Mischung. Zwischen den neuesten Kollektionen von etablierten Designermarken und Modehäusern standen Sneaker von Adidas und hingen T-Shirts von upcoming Labels, die so upoming waren, dass sie noch niemand kannte. Bei Colette konnte man sich durch die neuesten Indie-Music-Platten hören, stundenlang in den angesagtesten wie nischigsten Printmagazinen der Welt blättern oder den letzten Beautyhype in den Einkaufskorb wandern lassen.

Wer auf der Suche nach dem Neuesten vom Neuen war, konnte sich sicher sein, es bei Colette zu finden. Das Restaurant „Le Water Bar” überzeugte mit einer täglich wechselndem Karte und bot gleichzeitig eine erholsame Auszeit von all den Eindrücken und Inspirationen, die während des Besuchs im Store auf einen niedergeprasselten.

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Gleichzeitig hatte man hier stets das Gefühl willkommen zu sein und fühlte sich wohl. Wer schon einmal in Bollerjeans und den abgelaufenen Lieblingssneakern einen Designerladen betreten hat, weiß, wovon ich rede. Auch wenn die Preislatte bei Colette definitiv höher hing, konnte man sich hier ungestört und ohne herablassende Blicke durch das Sortiment staunen und zum Schluss dann eben nur eine schöne Tasse in die Einkaufstasche wandern lassen. Colette und Sarah wussten: Mode, dass ist vor allem das, was auf der Straße passiert und somit viel mehr beinhaltet als nur Kleidung. So wurde Colette auch schnell zum Treffpunkt der kreativen Szene von Paris und im selben Atemzug zum Schmelztiegel der engagiertesten Köpfe aus Musik, Mode, Literatur und Kunst. Denn eine eigene Galerie, die gab es natürlich auch.

Karl Lagerfeld ging ebenso bei Colette ein und aus wie Caroline de Maigret oder Pharell Williams. Als einer der ersten Stores hingen bei Colette die Entwürfe von Mary Kantratzou oder Rodarte – die Angst, auch mal daneben zu greifen wurde der Prämisse untergeordnet, den Kunden stets den State of the Art zu präsentieren und selbst mitzugestalten. Schließlich müssen Pioniere das erste Risiko tragen, oder? Auch legten Colette und Sarah den Grundstein für die inzwischen fast schon inflationär gewordenen Designer-Kollaborationen. Dass ein Ladengeschäft mit einem Traditionshaus wie Hermès eine gemeinsame Kollektion lanciert, hatte die Welt zuvor noch nicht gesehen.

Apple wählte Colette im Jahre 2014 für den Launch der Apple Watch aus und sogar Ikea konnte dem Charme der Pariser nicht widerstehen. Der „temple of cool”, wie es Business of Fashion es treffend in einem Artikel formulierte, war ein Garant für Erfolg und für viele Marken der Eingang zur jungen, hippen und sehr wählerischen Kundschaft.

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Doch anstatt durch all den Zuspruch und Erfolg die Bodenhaftung zu verlieren, blieben die Köpfe hinter Colette sich und ihrem Humor immer treu. Das 20. Jubiläum im März 2017 wurde mit einem aus 300.000 Bällen bestehenden Bällchenbad gefeiert. Goals! Im Laufe der Jahre haben rund um den Globus innovative und tolle Concept Stores eröffnet, alle gleichermaßen individuell und zurecht erfolgreich.

Eines haben sie jedoch gemeinsam: Ihr Weg wurde als immer zuerst von Colette Rousseaux und Sarah Andelman beschritten. Sie waren mit die Ersten, die Highfashion-Brands neben Zehn-Euro-Shirts gehängt haben, die Beauty, Lifestyleartikel, Food, Musik, Magazine und Kunst unter einem Dach vereinten. Colette war ein Treffpunkt, hier entstanden nicht selten die Ideen für die Produkte, die später im Store verkauft wurden. Eigener Merchandise, eigene Musik-Compilations und Kollaborationen mit Marken von Apple, über Adidas, Chanel, Birkenstock bis hin zu Balenciaga – Colette war immer Wegbereiter. Und egal, was noch kommen mag, Colette wird für immer der „coolest concept store in the world“ bleiben. Und wie heißt es doch so schön? Man soll aufhören, wenn es am schönsten ist.

 

Das Erbe

Wohin geht es nun also mit dem Shopping-Erlebnis im Jahr 2018 und in den kommenden Jahren? Der Einzelhandel wird jedes Jahr schwächer, der Online-Handel boomt. Und doch sind es die Erlebnisse, die offline geboten werden müssen, und nach denen wir immer wieder streben. Marken versteht und erlebt man am Besten im „echten“ Leben – und damit auch in Zukunft eine Daseinsberechtigung für den stationären Handel gegeben ist, kann man viele Lektionen aus den letzten zwanzig Colette-Jahren ziehen.

Die Mischung machts – und das war erst der Anfang der Concept-Store-Revolution.

 Concept-Stores, die wir lieben?

 The Store

Torstrasse 1, 10119, Berlin, Deutschland

 Merci

111 Boulevard Beaumarchais, 75003, Paris, Frankreich

 Le Bon Marché

24 Rue de Sèvres, 75007 Paris, Frankreich

 Nordiska Kompaniet

Hamngatan 18-20, 111 47 Stockholm, Schweden

 Dover Street Market

18-22 Haymarket, London SW1Y 4DG, UK

 Maryam Nassir Zadeh

123 Norfolk St, New York, NY 10002, USA

Kommentare (6) anzeigen

6 Antworten auf „Das Erbe von Colette: Wie der Concept-Store den Einzelhandel revolutioniert hat“

Bis heute habe ich noch nie von Colette gehört, und das bereue ich nun richtig. Der Shop sieht bzw sah richtig toll aus.. Ich hoffe, dass es mal einen vergleichbaren Laden geben wird (und ich das dann auch mitbekomme) 🙂

Liebe Carry,

ja, Colette war wirklich einmalig. Unten im Artikel haben wir unsere liebsten Concept-Stores aufgelistet. Sie sind ebenfalls sehr ausgesucht und hochwertig, ein Erlebnis und echte Shopping- und Stöberparadise. Falls du also mal in Paris, Stockholm, London oder New York bist oder gar in Berlin wohnst, schau unbedingt vorbei.
Liebe Grüße,
Lisa

Merci is indeed one of the best concept stores out there, love that you have included it in your list! We would also add ¨The Apartment by the Line¨ and ¨Dover Street market¨ in NY to complete your amazing list! Great post as always!

Nicht zu vergessen in Berlin – Andreas Murkudis, Tokyo – Dover Street Market, Tokyo – Biotop, Mailand – 10 Corso Como.

Ich bedauere es wirklich an den Artikel zu meckern, aber beim letzten Punkt muss ich etwas anmerken:
Le Bon Marché ist kein Concept-Store! Er gilt als das erste Warenhaus der Geschichte!!! Émile Zola inspirierte sich an dem berühmten Kaufhaus um sein Roman „Das Paradies der Damen“ zu schreiben. Soweit ich weiß ist es eines der renommiertesten und luxuriösesten Warenhäusern Frankreichs und ist darüber hinaus weltbekannt.

Das stimmt, sie nennen sich auch gern Department-Store. Greifen aber typische Concept-Elemente auf uns haben auf der Damenetage immer wieder temporäre Konzepte und erfinden sich damit neu – sagen wir: Der Concept-Store im Warenhaus 😉

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