Editor’s Letter: 7 Jahre Journelles – und ich habs vergessen

Am 17.Oktober 2012 ging Journelles online und seither habe ich jedes Jahr mit einem Ballon posiert und über den Ist-Zustand, die Branche, meinen Werdegang und Zukunftsvisionen geschrieben. Üblicherweise stand der Termin in meinem Kalender, im Redaktionsplan war unlängst ein Artikel dazu eingeplant.

Bis auf das (verflixte?) siebente Jahr. Vorletzte Woche ist Journelles sieben Jahre alt geworden und ich habs verpennt. Es ist mir nicht mal am selben Tag eingefallen, da lag ich krank mit meinem Kleinsten im Bett, sondern erst nach dem Wochenende. Das ist zwar nicht weiter schlimm, aber es ist symptomatisch für mein ganzes vergangenes Jahr: Ich laufe einen Marathon ohne Ziellinie, habe ein überdurchschnittlich hohes Stresslevel, schaffe gefühlt nichts und werde niemandem gerecht – am wenigsten mir selbst.

Marathonlauf ohne Ziellinie

Nun kommt das siebte Journelles-Jahr zusammen mit dem ersten Lebensjahr meines zweiten Sohnes. Mutter werden war schon beim ersten Mal so wahnsinnig intensiv, aber das zweite Mal hat mich überrollt, ohne dass man sich drauf hätte vorbereiten können. Ich hatte große Pläne für den Wiedereinstieg: längere Babypause, dafür dann nach drei Monaten zurück. Louis kam einen Monat zu früh, unser Gift Special war noch nicht abgeschlossen, und so fand ich mich im Wochenbett wieder, wie ich nachts während der zahlreichen Stillpausen unsere Instagram Stories pünktlich zum neuen Tag hochlud. Eine Auszeit gab es nicht, einen echten Wiedereinstieg aber auch nicht.

Das ganze Jahr dröppelte so vor sich hin. Zwischen unserem Wohnungsbau, der Website, dem zweifachen Elternsein, vielen Krankheiten, viel Arbeit für meinen Mann und Homeoffice bis hin zu zwei Umzügen innerhalb eines Monats kehrte einfach keine Ruhe ein. Schaue ich mir meinen Instagram-Kanal an, dann bin ich oftmals selbst erstaunt, wie wir das alles hinbekommen haben. Und was für ein tolles Zuhause wir uns geschaffen haben.

Es funktioniert immer irgendwie, aber es funktioniert vieles auch nur mit sehr viel Zusammenreißen. Die wenigen Stunden Schlaf in der Nacht, die nie aufgeladenen Batterien, private emotionale Momente und arbeitstechnische Ungewissheiten stießen bei mir mit voller Wucht auf das Jahr 2019. Ein Jahr, das wie ein Augenöffner ist.

Klimakrise, Greta Thunberg, Demonstrationen, Petitionen, Spendenaufrufe, Social Media, das endlich wieder „social“ wird: Wir befinden uns im Umbruch. In der Familie und mit Freunden diskutieren wir Nachhaltigkeit und Flugscham, hinterfragen jegliche Art von Konsum, gehen mit kleinen guten Schritten in die richtige Richtung und ärgern uns, wenn es nicht in allen Lebensbereichen durchgezogen werden kann. Wie geht das zusammen mit meinem Beruf, meinem Magazin, meinen Inhalten? Und wie will ich in Zukunft arbeiten?

Im letzten Jahr habe ich im Editor’s Letter schon erzählt, dass sich meine Definition von Erfolg geändert hat. Das hat sie in diesem mit noch grösserer Wucht getan. Gerade der Blick auf Freunde, die große Unternehmen aufgebaut und viele Mitarbeiter haben, hat mir gezeigt: So möchte ich im Augenblick nicht arbeiten. Ich möchte kein grösseres Team, nur um noch mehr Umsatz zu generieren. Ich möchte Dinge tun, die mich bewegen und antreiben, denn nur dann kann der Funke auch auf andere übertragen werden.

Mein Erfolg ist meine Familie – und die berufliche Erfüllung muss ich nun wieder neu wieder suchen. Nach 15 Jahren im Arbeitsleben empfinde ich es schon etwas verrückt, das Gefühl zu haben, so viel schon erlebt und verstanden zu haben. Denn sagen wir mal so: Ich habe noch locker 30 Arbeitsjahre vor mir, die mich bestenfalls genauso glücklich machen, wie ich es schon in jungen Jahren erleben durfte.

In diesem Sinne kann man das siebte Jahr durchaus als Jahr der (Neu-)Orientierung sehen, auch wenn es mir im Sumpf ohne klare Vision, den kommenden großen Wurf, nicht so vorkommt.

Diese Unsicherheit hat mich all die Monate umgetrieben und zum Nachdenken gebracht – aber ich lerne, dass die Akzeptanz des Ist-Zustandes, geschwollen geschrieben das Leben im Hier und Jetzt, durchaus auch erfüllend sein kann, sofern man es gedanklich zulässt. Dass es okay ist, nicht schon den Fünf-Jahres-Plan ausgearbeitet zu haben, nicht zu wissen, wie viel mehr oder anders man bald arbeiten wird. Und dass mich die Zeit schon in die richtige Richtung schubsen wird. Das ständige schlechte Gewissen, keine grosse Vision an mein Team weiterzugeben, verblasst. Wenn der Schlaf zurück kehrt, kommt sicher auch wieder die Power – und die wünsche ich mir für das kommende achte Journelles-Jahr. 2020 wird vieles anders werden und ich freue mich sehr darauf!

Vielen Dank für eure Treue <3

xo

Jessie

PS. Posiert habe ich in diesem Jahr also nicht mit einem Ballon, weil mir nicht so recht danach war. Mein Outfit für die Cartier-Party vergangene Woche schien aber passend für die Collage. Endlich mal wieder ein Anlass, sich schick zu machen! Mein Kleid ist von Rotate Birger Christensen, die Schuhe und Tasche sind von The Row.

 

Kommentare

  1. Seit Tag 1 von Les Mads bin ich dabei und weiß noch genau, wie ich damals in der Bahn zur Uni deinen ersten Journelles-Artikel laß. Vieles hat sich verändert, wir, deine Leserinnen aber auch. Es fühlt sich so an, als würde ich mit dir gemeinsam erwachsen werden und das ist ein schönes Gefühl. Ich bleibe auch im achten Jahr dabei und drücke dir für alle Pläne oder Nichtpläne die Daumen. Am Ende dürfen wir uns alle glücklich schätzen gesund zu sein und in Frieden zu leben. Das ist das Banale, das oft zu selbstverständlich wirkt.
    Danke.

  2. Carolin sagte am

    Liebe Jessie,
    ich bin seit Tag 1 hier dabei. Na klar vermisse ich manchmal deine Präsenz, denn Journelles lebt von dir, aber ich kann das alles total verstehen und bewundere dein Pensum und vor allem deine Ehrlichkeit. Denk nicht so sehr an andere (in diesem Fall: deine Leserinnen), sondern denk nun mal an dich und an das, was dir jetzt gut tut und was du willst. Ich bin sicher, dass deine Intuition dich nicht im Stich lassen wird und du uns noch viele Jahre begeisterst.
    Alles Liebe
    Carolin

  3. Sabrina sagte am

    Du weißt es selbst: Du schaffst nur gefühlt nichts, denn objektiv betrachtet ultra viel. Ich kenne das Projekt Eigenheimsanierung mit zwei Jungs und sogar den Frühchen-Umstand und die Unzufriedenheit bzgl. der fehlenden Festplattenkapazität durch Schlaflosigkeit. Nach 10 Jahren Selbstständigkeit kam mir das, was ich kinderlos und als Mieterin für Stress gehalten hatte, wie ein Witz vor. Und ich sage mal: Hier auf journelles und insta hat niemand eine Qualitätseinbuße spüren müssen. Du machst das schon alles ziemlich gut!!

  4. Du bist meine Heldin des Internets Jessie, hör niemals auf an dich zu glauben und dem nachzustreben, was dich und deine Familie glücklich macht! Ich werde dich immer lesen und freue mich auf alles, was noch kommt und seien es noch so kleine Dinge – in deinem Tempo! <3

  5. Unheimlich echt und authentisch, was für ein toller Text liebe Jessie! Mach dir selber nicht zu viel Druck, von aussen sieht das Ganze nämlich weiter richtig richtig toll und inspirierend aus! Manchmal muss man (noch) nicht alles wissen, das gehört auch dazu. Weitermachen und der Weg zeigt sich schon beim Laufen.
    Herzliche Grüsse aus der nächtlichen Stillpause 😉

  6. Liebe Journellis!
    Vielen Dank für so tolle Artikel und die schönen Worte. Es war definitiv ein turbulentes Jahr, das hat man bei dir auch gesehen, aber Hut ab- wie ihr das alles meistert. Ich freue mich auf sie nächsten Jahre.
    Beste Grüße, Lea

  7. Liebe jessie,
    Deine Authentizität, die du dir nach all den erfolgreichen Jahren bewahrt hast wird deine LeserInnen halten. Das haben viele leider verloren.
    Ich muss gestehen, dass ich auch mitgewachsen bin und deine geschichten spiegeln auch so ein bisschen meine aktuelle situation wieder so dass ich mich aufgefangen und verstanden fühle. Egal wie sich die zukunft entwickeln wird, bewahre dir deine ehrlichkeit. Mit dieser wird alles ein erfolg.
    Lg aus wien
    Belma

  8. Friederike sagte am

    Liebe Jessie,
    Herzlichen Glückwunsch zu 7 Jahren volle Power in deinem Herzens-Business, mit dem du uns alle so erfreust!!! Und vielen Dank für deine ehrlichen Worte!!! Mach dir über deine momentan nicht komplett ausgearbeitete Vision keine Sorgen – du bist auch ohne die perfekte Vision eine wundervolle Inspiration. Auf viele weitere Jahre mit dir und Journelles!!!

  9. Liebe Jessie, auch ich bin Leserin seit der ersten Stunde und verfolge deinen beruflichen aber auch privaten Werdegang mit großem Interesse. Ich finde es super, dass du hier ehrlich erzählst, dass nicht alles immer super läuft und du dich auch mal überfordert fühlst. Auf vielen anderen Kanälen von „working moms“ wirkt alles immer so spielend einfach und daher auch nicht authentisch.
    Wie die anderen Kommentatorinnen schon geschrieben haben: du machst das super 😊
    Ich freue mich auf weiteren authentischen! Content. Gerne auch mal wieder in Form des „minimondays“ auf Instagram. Das gefiel mir besonders. Alles Liebe aus Köln

  10. Kirsten sagte am

    Hey! Ich finde deinen Post gut! Aus vielen verschieden Gründen! Er ist authentisch und wichtig – für dich und deine Leser. Ich finde es super, dass du dir die Sinnfrage stellst, was Journelles angeht. Denn sind es nicht gerade Blogs und Online Magazine, die einen großen Einfluss auf die Gesellschaft haben, Begehrlichkeiten wecken, machen, dass wir mehr konsumieren, reisen, perfekt sein wollen? Deshalb finde ich es großartig, dass aktuell gerade Menschen wie du, die eine große Reichweite haben, darüber nachdenken, wie sie einen sinnvollen Beitrag leisten und vielleicht sogar etwas verändern können. Dieser Shift ist absolut notwendig, schaut man sich an, was gerade auf und mit der Welt passiert. Und trotzdem fällt er uns allen nicht leicht!

  11. Kristin sagte am

    Wahnsinn! Herzlichen Glückwunsch. Ich bin selbst Mama von einem 1jährigen Kind und schaffe kaum mein Klo selbst zu putzen, geschweige denn ein Business am Laufen zu halten. Ich bin froh, dass ich das nicht „muss“! Daher Hut ab vor der Leistung!

  12. Liebe Jessie, vielen Dank für diesen Beitrag! Du machst Mut, und schön, dass es bei dir genauso „normal chaotisch“ ist. 🙂 Ich habe im ersten Lebensjahr meines zweiten Kindes mein Start-up gegründet. Jede Gefühlslage von Himmel-hoch bis Ich-schmeiß-alles-hin war dabei. Irgendwie ist alles nichts Halbes und nichts Ganzes und am Ende kommt doch ein ganz tolles Ergebnis dabei heraus. Deshalb sage ich mir immer – einfach weiter machen. 🙂 In diesem Sinne noch eine schöne Woche!

  13. Wow, ich kann dich total fühlen.
    Danke für deinen Text und deine Ehrlichkeit.
    Es kommt wie es kommt und es ist gut so.

    Ich liebe deine und eure Inhalte und freue mich wöchentlich über die digitale Post.

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