„Deutsch. Was ist das überhaupt?“ Die Homestory mit Chris Glass von aptm

Schwarz. Dunkelheit. Klarheit. Kühle. Als ich das aptm (gesprochen: Apartment) von Chris Glass betrete, sind das die ersten Begriffe, die mir in den Kopf kommen. Schwarze Wände, ein dunkler Dielenboden, weiße Akzente. Betrachtet man das Wetter draußen, es herrscht ein leichter Schneesturm, so könnte man sich auch einbilden, in einem New Yorker Loft zu stehen. Mit einer großen Wohnküche, in der Chris Glass steht und seinen Besuchern in schwarz-roten Jogginghose Kaffee kocht. „Mit Milch oder Schwarz?“, fragt er mit einem amerikanischen Akzent und tritt hinab von der Empore, auf der der riesige Küchentresen gebaut ist.

Doch auf den zweiten Blick wirkt das erstmals kühle Entrée doch viel heimeliger als vermutet. In der Wohnlandschaft, die aus riesigen Sofas von Rolf Benz bestehen, türmen sich Kissen und Felle, neben dem Bett stehen hölzerne Nachttische und davor ein paar Filz Birkenstock Hausschuhe. Chris setzt sich mit seiner Rosenthal-Porzellantasse auf die Couch und beginnt zu erzählen. Und hier fällt der Groschen. Birkenstocks, Rosenthal, Rolf Benz – das alles kommt aus Deutschland.

Kein Wunder, denn das aptm ist momentan unter dem Motto „Deutsch. Was ist das?“ eingerichtet und zeigt unter diesem Thema Ikonen und Newcomer der deutschen Interior-Szene. Warum sich der geborene US-Amerikaner in Zeiten von Scandinavian Living, French Art Déco und all den anderen Wohntrends, die momentan auf Social Media kursieren, gerade dieses Thema ausgesucht hat? Weil er Deutschland liebt. Und das auf eine ganz sympathische Art und Weise.

„Kalt. Kalt und klar. Das ist Deutsch. Aber in diesem Apartment gibt es auch Wärme. Ich habe darauf geachtet, ein warmes Schwarz als Wandfarbe zu verwenden. Und ein warmes Weiß. Ich zeige hier Deutschland aus meiner Perspektive. Als Ausländer. Alles basiert auf den 17 Jahren, die in diesem Land schon lebe. Aber klar, ich bin hier nicht geboren, ich sehe Deutschland anders als Deutsche es tun.“

Vielleicht unvoreingenommener? Deutsche haben ja immer Angst, sich selbst zu feiern. Allein schon aus historischen Gründen bekommt das schnell einen faden Beigeschmack.

„Ja, als Ausländer darf ich es nämlich feiern. Ich habe die Erlaubnis dazu. Ich habe auch versucht hier andere Kulturen zu integrieren, die in der deutschen Geschichte eine wichtige Rolle gespielt haben: Italien und die Türkei zum Beispiel. Aber auch die innerländlichen Unterschiede spiegeln sich hier wieder. Bayrische Gemütlichkeit, preußische Strenge. Das alles vermittle ich im APTM mit Kunst, Büchern und Möbeln. Ich will Aufmerksamkeit auf die großartigen deutschen Designer lenken, die hinter jedem Objekt stehen.

Hat denn jedes Objekt eine Person, die dahinter steht und eine Geschichte, die erzählt werden muss?

„Ja und ich kenne jeden Designer hinter dem Produkt, das du hier finden kannst. Ich finde alle Sachen, die im APTM stehen selbst oder mit meiner Kollegin Tatjana Sprick. Die Türen, die ich öffne, öffne ich auch für viele andere Menschen und ich teile meine Entdeckungen dann hier. Ich lerne von den Designern und hinterfrage auch gerne, warum sie für diesen Stuhl einen Betonsockel verwenden statt normaler Stuhlbeine. Ein Teil von diesem Prozess zu sein und eine Beziehung zu den Labels zu bekommen, das ist das Aufregende an meinem Job.“

München ist eine heile Welt. Mir war es irgendwann zu heil.“

Doch wie kam Chris Glass überhaupt zu dem Job, den er selbst nicht als Interior-Dekorateur bezeichnet, sondern als Kurator, und den er heute mit so viel Leidenschaft ausübt? Das Geheimnis ist ein Weg, der anders als die dominanten Farben im Apartment – Schwarz und Weiß – weniger klar und strukturiert war. Es fing mit einem Studium in Boston an, Musical Theatre, danach arbeitete er als Perfomer bei Shows in New York. Doch der Wunsch nach Sicherheit und finanzieller Beständigkeit ließen ihn die unstetige Branche schnell verlassen und er widmete sich kurzzeitigen Jobs als Restaurantleiter, in einem Spa in New York und fing 2000 dann schließlich bei einem deutschen Beauty Start-up in New York an. Diese vertrieben Nischenprodukte in Europa, hatten ihren Sitz allerdings in den USA. Und eröffneten den ersten Laden in München. Und so kam Chris nach Deutschland. Um die Angestellten einzuarbeiten und zu trainieren.

Aus Wochen wurden Monate, aus einem halben Jahr wurde ein Jahr und plötzlich waren es drei Jahre. 2009 zog Chris von München nach Berlin. „Ich musste etwas ändern. München ist eine heile Welt. Aber mir war es dann irgendwann zu heil.“ Er landete mitten in einer Institution in Berlin, in der der typische Berliner wahrscheinlich nie einen Fuß gesetzt hat. Exklusiver Mitgliedschaft sei Dank. Die Rede ist vom Soho House Berlin. Und jetzt, neun Jahre später, hat Chris keinen Alltag, keine Routine. Dafür hat er das aptm. Und düst für Projekte und seine eigenen Ausstellungen mindestens einmal in der Woche durch die Welt. Doch Reisen ist für das Sprachtalent, was während unseres Gesprächs so oft zwischen Deutsch und Englisch wechselt, so dass ich es manchmal gar nicht merke, nicht nur eine berufliche Nebenerscheinung. Es ist auch der Grund, warum er heute das macht, was er macht.

aptm ist ein Raum, wo Menschen zusammenkommen können. Zum Essen, zu Meetings, zum Kunst anschauen. Ich wollte einen Ort schaffen, der sehr persönlich ist.

Welche Reise hat dein Leben verändert?

Das war bestimmt nicht nur eine einzige Reise, aber sicherlich meine gesamte Zeit in der Türkei. Ich habe dort so viele Dinge entdeckt, die neu für mich waren. Und alle mit nach Hause geschleppt. Es ist großartig zu sehen, dass man ethnische und traditionelle Objekte mit westlichen Standards verbinden kann. Dazu besitzen antike Kissenhüllen, Kelims und Co. noch so viel Geschichte. Die Geschichte, wer sie gemacht hat. Wie ich sie gefunden habe. Und wie sie jetzt in Deutschland in meiner Wohnung oder hier im aptm dekoriert sind. Eine meiner liebsten Adressen ist der Grand Bazaar in Istanbul. Dort und auf dem Weg dorthin entdecke ich immer wieder Schätze. Auch großartig ist das Viertel Çukurcuma, in den kleinen Läden findet man immer etwas.

Bist du so auch zu deiner Interior-Leidenschaft gekommen?

Ja, ich habe neun Monate dort gelebt und all die Sachen, die ich dort gefunden habe, mit nach Hause gebracht. Irgendwann haben Freunde angefangen mich zu fragen, ob ich ihnen auch bestimmte Dinge besorgen kann. Weil das irgendwann zu anstrengend wurde, habe ich dann einen Abend veranstaltet, an dem ich Freunde eingeladen habe und sie bei mir shoppen gehen konnten. Das hat super geklappt. Ab da war das Konzept geboren, ausgewählte Produkte und Objekte an einem Ort zusammenzustellen. Und ich brauchte Platz, um mein berühmtes Thanksgiving Dinner zu veranstalten.

Triff Entscheidungen und erzähl damit eine Geschichte. Die Reisen, die du gemacht hast, die Orte, an denen du zuvor gelebt hast. Sie alle sollten deine Art zu Wohnen beeinflussen.

Der nächste Schritt: ein Ort. Hat dich das Apartment hier in Berlin-Wedding gefunden oder hast du es gefunden?

Beides irgendwie. Ein sehr guter Freund (und Businesspartner) hat zu mir gesagt, dass er jemanden kennt, der ein Loft im Wedding besitzt. Ich solle mir das mal anschauen. Ich habe dann mit der Besitzerin gesprochen, ihr meine Idee erklärt und schon hatte ich nicht nur meine Location, sondern auch eine weitere Businesspartnerin gefunden.

Du wechselst deine Ausstellungen ca. alle sechs Monate und lebst damit den klassischen Modezyklus von früher: Frühjahr und Winter. Gibt es in der Interior Branche denn auch den Drang dazu, sowie in der Mode, immer schneller Trends zu produzieren?

Ich glaube, dass Interior langsamer als Mode ist – und auch sein sollte. Die Mode ist aufgrund dieser ganzen Fast Fashion Bewegung gewohnt, schneller als der Blitz zu sein. Aber auch hier merke ich, dass uns auch das langsam zu viel wird und wir dem Konsum entsagen. Ja, wir können diese ganzen neuen Informationen und Trends ja gar nicht mehr verarbeiten, geschweige denn konsumieren. Deswegen wenden sich viele auch dem Thema Wohnen zu. Alles, was da draußen gerade passiert, sei es politisch, sozial oder ökonomisch, lässt sich die Menschen wieder auf die wichtigen Werte im Leben konzentrieren: Zeit mit Menschen verbringen, die man liebt. Sich Zuhause wohlfühlen, in seiner Umgebung sicher.

Möbelbrands können gar nicht so schnell neu produzieren und auch das Rad nicht neu erfinden. Alleine deswegen sind sie schon langsamer. Und natürlich auch, weil Einrichtung erheblich mehr kostet als Kleidung. Da tauscht man mal nicht ebenso was aus, was einem nicht mehr gefällt.

Eben. Man muss sich sicher sein, dass einem die Sachen lange gefallen. Welche Fehler sollte man denn beim Einrichten vermeiden? Oder was ist ein Trick, der immer hilft?

Okay, hier kommen meine zwei nicht ganz so geheimen Geheimtricks:

  1. Sei persönlich. Stell dir vor, dass du in dieser Wohnung lebst. Sie muss zu dir und deiner Persönlichkeit passen. Welche Wege gehst du oft und mit welchem Gefühl willst du sie gehen? Jeder Gegenstand und jeder Ort erzählt eine Geschichte. Was erzählen sie über dich?
  2. Trau dich was. Triff Entscheidungen und vertage sie nicht. Zeig Mut zu Farbe – oder entscheide dich komplett gegen sie. Aber entscheide dich!

Und wenn Chris Mut zeigt, dann macht er das ganz und gar. Mit einem schwarz-weißen Apartment oder der Vorstellung, eine komplette Wohnung nur mit Ikea einzurichten. „Das wäre definitiv eine Challenge, aber auch ein Statement. Ich würde den Leuten gerne mal zeigen, dass man das auch cool machen kann!“, beteuert Chris. Doch privat setzt er lieber auf Designklassiker, zu seinen Lieblingen zählen Jean Prouvé, Serge Mouille und Charlotte Perriand. „Klassiker mit Funk“, so nennt Chris sie.

Auch so ein moderner Klassiker mit Funk ist der Hocker „Spring“ vom Berliner Label Atelier Hausmann. Neben dem Beistelltisch von New Tendency eines seiner (vielen) Herzensobjekte der neuen Ausstellung im aptm. Chris springt begeistert von der Couch auf und sagt: „Das muss ich dir zeigen, komm mit.“ Vor meinen Augen ein Hocker. Mit weißen Stäben und einer hölzernen Sitzfläche. Sieht so gar nicht besonders aus, denke ich mir insgeheim. Und werde dann von Chris überrascht.

Als er sich auf den Hocker setzt, geben die scheinbar stabilen weißen Stäbe nach und schwingen rhythmisch mit Chris Bewegungen mit. „Tja“, sagt er beim Anblick meiner überraschten Augen, „damit hast du wohl nicht gerechnet, ne?“ Stimmt, denke ich mir. Ist aber auch wieder typisch Deutsch, der Hocker. Von außen auf den ersten Blick steril und langweilig, auf den zweiten Blick dann aber mit Pfiff und äußerst sympathisch. „Deutsch. Was ist das?“ Der Titel der neuen aptm-Ausstellung und eine Frage, auf die ich dank Chris jetzt eine klare Antwort habe: Ganz große (Design-)Klasse.

Text & Interview: Marie Jaster

Fotos: Julia Novy

Kommentare

  1. jessie@journelles.detulastomp@gmx.de

    Wo bleiben eigentlich die Geständnisse der Mode Praktikantin Teil 2?! Längst überfällig!!!
    Tolle Wohnung übrigens.

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