Der Retterin der Lieblingstaschen: t’Atelier-Gründerin Tatjana Hagelgans repariert unsere Designerbags

Jede Frau kennt das: Die Lieblingstasche wird gehegt und gepflegt, doch irgendwann lösen sich die Ecken auf, die Farbe lässt nach der Schultergurt ist ausgedehnt von dem Gewicht der täglichen Habseligkeiten, die man dauernd mit sich herumschleppt. Eine Reparatur ist notwendig. Nur: Wer macht sowas?

So ging es mir kürzlich mit meiner Balenciaga City Bag und ich überlegte, ob ich mir eine neue Tasche kaufen sollte. Es tat mir im Herzen weh, denn ich hatte lange auf diese Tasche gespart und für meinen Alltag ist sie perfekt. Was tun? Ich wusste nicht weiter, einen guten Täschner kannte ich nicht.

An diesem Tag bekam ich eine Email von Tatjana Hagelgans, Besitzerin der Taschenwerkstatt t’Atelier im Herzen von Frankfurt- Nordend. Die 30-Jährige hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Lieblingsstücke wieder zu reanimieren. Was für ein Zufall, ich konnte es nicht fassen! Klar, dass ich nicht nur sofort meine Tasche geschickt, sondern auch gleich ein Interview machten wollte:

Liebe Tatjana, ich bin total begeistert, dass ich endlich jemanden wie die kenne, der Handtaschen repariert. Seit wann gibt es dein Atelier?

Ich habe am 27. September 2014 eröffnet. Vorher hatte ich parallel noch einen anderen Job und nur zuhause gearbeitet. Im Sommer war allerdings dann das Esszimmer komplett von mir und den Taschen belegt. Als sich der Laden in der Egenolffstraße anbot, habe ich sofort zugeschlagen.

Wie bist zu diesem Beruf gekommen – hast du ein Handwerk gelernt?

Nein, ich habe eine kaufmännische Ausbildung gemacht und bin zufällig vor ein paar Jahren in das Taschen-Geschäft reingerutscht. Davor habe ich für ein Auktionshaus gearbeitet, das auf Luxusartikel, insbesondere Handtaschen, spezialisiert ist. Irgendwann kam es dazu, dass ich die erste schwarze Hermès Kelly Bag in den Händen hielt und anfing, sie zu reinigen und mit Farbe aufzuarbeiten.

Die Reaktion der Kundin war sagenhaft und für mich das erste Erfolgserlebnis. Im Laufe der Zeit habe ich meine Fertigkeiten professionalisiert: Farben mischen, Reparaturen usw. Ich arbeite außerdem mit einem sehr erfahrenen Feintäschner aus Frankfurt zusammen. Es macht mir großen Spaß mit ihm zu werkeln: Ich bin in meiner Welt, vergesse die Zeit und könnte stundenlang an einer Tasche rumwurschteln.

Ich habe dir meine Balenciaga Bag anvertraut, die früher einmal Schwarz war, deren Ecken sich aber inzwischen auflösen und der Schultergurt droht, bald schlapp zumachen. Wie kann man sich deine Arbeit an einem solchen „Vintage-Stück“ vorstellen?

Die Aufarbeitung beginnt beim Auswaschen mit unterschiedlichen Lösungsmitteln oder Seifen, die für Leder geeignet sind. Nicht alle Taschen kann man mit Farbe aufarbeiten, weil man so die Patina der Tasche verdecken würde – manches Leder lebt erst, wenn es Gebrauchsspuren hat, also fettig und speckig wird.

Bei dem Stichwort „Farbe“ denke ich an Schuhcreme. Arbeitest du mit ähnlichen Produkten?

Nein! Das ist eine geruchslose Farbe, was sehr wichtig für eine Tasche ist. Außerdem verändert die Farbe die Struktur des Leders nicht, dafür ist sie ist wasserfest und schützt das Leder vor UV-Strahlen. Inzwischen weiß ich genau, welche Tasche welche Nuance hat und beschäftigte mich teilweise drei Stunden damit, den richtigen Ton anzurühren. Die Reparatur ist wieder ein anderes Thema. Nicht alles kann man per Hand nähen, manche Teile lassen sich nur mit bestimmten Maschinen nähen, weil die Tasche komplett auseinander genommen werden muss, inklusive Innenfutter.

Bei größeren Taschen scheuern sich die Ecken oft durch. Das kann man wunderbar mit Ziegen- oder Kalbsleder ummanteln. Wenn ich Fragen oder zu wenig Kraft für eine Wiederherstellung habe, dann frage ich meinen Täschner.

Arbeitsbeispiele von Tatjana Hagelgans

 

Zu wenig Kraft?

Für größere Taschen braucht man viel Kraft, um mit der Ahle ein Loch durch die Häute zu stechen, damit man das Leder später nähen kann. Scharniere anzubringen kann auch schwierig sein. Deshalb ist Täschner nach wie vor ein Männerberuf.

Welche Art von Taschen reparierst du, nur die von Luxus-Labels?

Meine Kundinnen sind Damen mit hochwertigen Taschen – daher auch der Namen „t’Atelier“, die Taschenwerkstatt. Es kommen aber auch Männer mit Koffern. Ich muss die Dinge immer vor Ort, zumindest ein Foto sehen. Wenn ich damit Erfahrung habe, helfe ich gerne.

Einer der großen Trends heißt „Nachhaltigkeit“. Die Leute wollen genau wissen, woher die Waren stammen und kaufen viel bewusster als früher. Hast du das Gefühl, dass die Menschen heute mehr Wert darauf legen, etwas aufarbeiten zu lassen, statt immer gleich etwas Neues zu kaufen?

Die Frauen, die zu mir kommen, haben ihre Taschen von Céline oder Hermès lange getragen und viel Geld dafür bezahlt – es wäre einfach schade, wenn so etwas im Schrank oder auf dem Dachboden liegen bliebt, nur weil die Tasche gebraucht worden ist. Viele Kundinnen kommen aus Eitelkeit, weil sie sich eine gepflegte Tasche wünschen, für die meisten hat sie darüber hinaus einen großen emotionalen Wert.

Eine meiner Kundinnen war zum Beispiel ein junges Mädchen, die mir eine Clutch aus Eidechsenleder brachte, die sie von ihrer Oma geerbt hatte. Ich habe sie gereinigt und gefärbt – und die Enkelin hat die Tasche gerne weiter getragen. Die Aufarbeitung von Handtaschen hat immer auch einen finanziellen Aspekt, denn der Secondhand-Markt für Taschen boomt – so lange sie gepflegt sind.

Wir haben viele kritische Leser, die sich oft über den Preis von Handtaschen wundern und nicht nachvollziehen können, dass man so viel Geld dafür ausgibt. Wie beurteilst du als Expertin die Qualität solcher Designer-Accessoires?

Wenn man eine Bottega Veneta Tasche auseinander nimmt, sieht man, wie toll sie innen verarbeitet ist. Die ist nicht nur außen, sondern innen hui! In der Tasche findet man Scharniere, die mit Leder ummantelt und mehrmals vernäht sind, so dass alles stabil bleibt und hält. Bei anderen Labes liegt zwischen den Scharnieren Pappe, es gibt keine Versieglung aus Leder. Auch im Luxussegment ist die Qualität doch sehr unterschiedlich. Erst kürzlich hatte ich einen Gucci-Rucksack im Atelier. Außen Canvas mit den typischen rot-grünen Streifen und innen: ein Futter aus Kunstleder!

t’Atelier Frankfurt

 

Kunstleder? Das hört sich wie ein Fake an.

Es war aber ein Original, das 800 Euro gekostet hat. Die Preisunterschiede zu den Taschen von Bottega Veneta oder Hermès sind also durchaus berechtigt. Qualitativ sind die Lederarten und Verarbeitung viel besser, diese Produkte sind wirklich gut gemacht. Eine Hermès Kelly Bag sieht nach 30 Jahren – wenn man gut zu ihr ist –immer noch fantastisch aus. Wenn man das nötige Kleingeld hat, lohnt sich die Investition alle mal.

Wie denkst du über den Begriff „It-Bag“?

Hinter diesem Begriff verbirgt sich in meinen Augen eine clevere Marketing-Strategie. Vorbild dafür ist wieder Hermès: Die Birkin Bag wäre in den Achtziger Jahren beinahe aus dem Programm genommen werden, weil keiner sie wollte. Als Promis wie Victoria Beckham die Taschen plötzlich wiederentdeckten, wurde eine künstliche Verknappung geschaffen, gleichzeitig die Preise immer weiter erhöht – so erreicht man das Luxus-Segment, in dem man nur noch ein bestimmtes Klientel anspricht.

Ich habe eine Kundin, die mir erzählte, dass ihre Mutter für ihre Kelly Bag damals 800 D-Mark bezahlt hat. Heute liegen wir bei knapp 6.000 Euro für eine 32 Zentimeter große Kelly Bag aus normalem Leder, nichts exotisches. Dabei gibt es auch viele junge Designer, die auf eine ähnlich hochwertige Verarbeitung legen, aber kein sichtbares Label haben.

Welche Pflege-Tipps gibt’s du deinen Kunden für zu Hause mit auf den Weg, wenn sie ihre Tasche bei dir abholen?

Für die Reinigung reicht ein leicht feuchter Lappen. Ich nehme ein kleines Frotteehandtuch, gehe damit kurz über die Tasche, dann bekommt sie eine Creme und wird schön aufgebürstet.

Ich habe gelesen, dass du u.a. mit „Saphircreme“ arbeitest. Was ist das?

Dabei handelt es sich um einen französischen Hersteller. Ich verwende die Produkte „Renovateur“ und „Nappa“. Das reichhaltige „Renovateur“ benutze ich nach der Restauration. Darin enthalten ist u.a. Nerzöl, das kortisonhaltig ist, viel Feuchtigkeit spendet und imprägniert, so dass sich der Schmutz nicht so schnell festsetzen kann.

Was war dein bislang schwierigster Fall?

Eine Louis Vuitton Truhe von Anfang des 19. Jahrhunderts, die mit Farbe beschmiert war, so dass man das typische Monogramm, das „Damier“, nicht mehr sehen konnte. Bei der Restaurierung musste man unheimlich aufpassen, damit die Unterfläche nicht mit Lösungsmittel beschädigt wird. Jede einzelne Niete wurde von mir mit der Hand aufpoliert. An diesem Stück habe ich zweieinhalb Wochen permanent gearbeitet und dabei zwei Tonnen Watte verbraucht.

Tatjana Hagelgans bei der Arbeit

 

Wie lange dauert eine Reparatur einer Handtasche in der Regel?

Zwei bis drei Wochen. Dann habe ich keinen Druck, denn für diese Art von Arbeit braucht man wirklich Muse. Manchmal muss ich die Tasche erst auf mich wirken lassen, manchmal arbeite ich an zwei Taschen gleichzeitig.

Kann man dir seine Tasche schicken, auch wenn man nicht in Frankfurt lebt?

Entweder bekomme ich eine Email oder einen Anruf. Auch wer nicht in Frankfurt lebt, kann mir seine Sachen per DHL oder UPS schicken, denn das ist ja alles versichert. In Frankfurt gibt es Damen, zu denen ich nachhause gehe und mit ihnen gemeinsam den ganzen Kleiderschrank durchgehe, um zu besprechen, wie wir mit welchem Teil verfahren.

Eine Kundin aus Düsseldorf wollte unbedingt wissen, wem sie ihre Hermès und ChanelTasche anvertraut und hat mir die Taschen deshalb persönlich vorbei gebracht, weil sie so sehr daran hängt. Selbstverständlich habe ich sie ebenfalls persönlich wieder bei ihr abgeliefert!

Was kostet die Reparatur einer Tasche im t’Atelier ungefähr?

Der Preis richtet sich nach Aufwendung, Material und Zeit. Wenn eine Tasche von Picard stammt, aber eine Herzensangelegenheit ist, kalkuliere ich natürlich ein bisschen günstiger.

Du bist täglich von den schönsten und teuersten Handtaschen dieser Welt umgeben. Welche trägst du persönlich?

Das ist witzig: Eigentlich habe ich privat fast nie eine Tasche dabei, wahrscheinlich weil ich jeden Tag so viele in der Hand halte. Tagsüber habe ich lediglich ein praktisches Business Case mit Schultergurt und einem Fach für das iPad und Telefon im Einsatz. Im Sommer benutze ich eine bunte Bast-Tasche, zum Ausgehen eine kleine Louis Vuitton aus einer limitierten Edition oder eine Clutch von Miu Miu.

Es lechzt mich nicht nach einem bestimmten Modell, aber die Affinität zu Taschen ist auf jeden Fall da – sonst würde ich ja diesen Beruf nicht machen. Taschen sind meine Passion!

Liebe Tatjana, danke für das Interview und weiterhin viel Erfolg!

Journelles-Interview-Tatjana-Hagelgans-tatelier-4

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t'Atelier Frankfurt
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Journelles-Interview-Tatjana-Hagelgans-tatelier-09

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Kommentare

      • Ja, in der Tat habe ich eine große cognacfarbene Leder-Tote, die ich überall mit hinschleppe – shoppen, Uni, Handgepäck im Flieger … doch (leider!) noch kein sündhaftteures Designer Stück. Darauf spare ich noch!

        Aber ich finde es einfach super interessant, dass es so etwas wie Tatjanas t’Atelier gibt. Ich habe mich nämlich bereits gefragt, was passiert, wenn man sich endlich ein Herzenswunsch erfüllt und die Tasche dann viel trägt und sie „abnutzt“ … Lederpflege? Ledercreme? Und wenn man nicht mehr 200 € sondern fast 2000 € für eine Tasche ausgibt soll sie ja auch lange halten.

        Dank deines Interviews weiß ich nun mehr! (Und habe noch einen Grund mehr bald in eine schöne Céline o.ä. zu investieren! hihi …)

  1. Grundsätzlich ok. Was passiert, wenn was schief geht? So mal mir mit einer Mulberry passiert, die ich aber zu Mulberry gegeben hatte. Nach langem Ringen bekam ich neue Tasche, war ne klassische Bayswater. Balenciaga repariert übrigens auch. Das tun übrigens alle……

    • Hallo Sabina, ja klar, ich habe auch schon eine Tasche bei LouisVuitton abgeben und sie kam wunderschön wieder – allerdings wusste ich 6 Wochen lang nicht genau, wo sie sich in Frankreich befindet. Das Schöne bei dem Atelier von Tatjana ist ja, dass man sie persönlich kennenlernen kann. Hier in Berlin habe ich außerdem keinen Ansprechpartner für meine Balenciaga gefunden, weil ich sie nicht hier gekauft habe. Und sie ist wirklich sehr abgerockt … zu The Corner Berlin hätte ich mich damit nicht getraut. Liebe Grüße!

  2. Spannender Artikel und ein toller Job. Hier in Berlin bin ich sehr happy, Zebra gefunden zu haben. Die sind die einzigen, die richtige Taschenrestaurationen in Berlin machen. Ich habe da mein Vintage LV Stück hingebracht (aus den 80ern). Ich musste zwar über 200 Euro dafür zahlen aber dafür habe ich ein tolles neues Stück, das ich so gerne trage.
    http://www.zebra-lederreparaturen.de/s7.html

    • Zebra kenne ich auch! Da habe ich mal einen Gürtel abgegeben. Fand ich ok, aber mit meiner Tasche hätte ich da ein bisschen Sorge gehabt…

  3. Ich hatte meine Alexa von Mulberry bei ihr zur Reparatur. Die Tasche war und ist meine absolute Lieblingstasche und sie sieht aus wie neu! Eine wirklich lohnende Investition! Tatjana hat Leder in der Originalfarbe der Tasche nachgefärbt und eine der Ecken repariert.

  4. Ich hab bei Zebra meine Celine Trio reparieren lassen (Farbe ab, Ecken aufgeraut etc) und sie wie neu wiederbekommen. Niemand ist so gut wie die, bei der jahrzehntelangen Erfahrung!

  5. Tolles und nütziches Intweview! Ich habe eine Baby Spy von Fendi in Biscotto. Leider machen sich da auch Gebrauchsspuren bemerkbar. Noch ist es ok, aber sobald ich das nicht mehr sehen kann, weiß ich an wen ich mich wenden kann. Vielen Dank!

  6. Lederverarbeitung ist nur was für Profis. Gut dass man in Frankfurt so ne Adresse für kleine Reparaturen findet. Vielen Dank für das aufschlussreiches Interview!

  7. …schönes Interview! Ich werde die Dame gleich mal kontaktieren, habe nämlich eine Tasche von Marni, bei der leider die Aufhängung kaputt gegangen ist. Die Tasche liegt jetzt schon ewig rum weil ich nicht wusste wo ich sie zur Reparatur geben kann….
    http://www.paeonia-golf.com

  8. Oh, perfekt!!

    Seit mittlerweile 5 Jahren bringe ich eine wunderschöne orangefarbene TOD’s-Tasche durch, die Farbspritzer und kaputte Lederriemen hat! Zur TOD’s-Reparatur nach Italien wollte ich sie nicht weggeben, verkaufen macht in dem Zustand auch keinen Sinn und den Reparaturwerkstätten, denen ich bisher begegnet bin, traue ich diese Arbeit nicht wirklich zu…

    Nun ist meine Frankfurt-Liste weiter gewachsen und ich werde wohl im April mal alle Punkte abhaken und bei t’Atelier mein Schmuckstück abliefern!

    Danke für dieses wunderbare Interview! Für meinen Zero Waste Blog http://www.simplyzero.de bin ich immer auf der Suche nach Menschen, die sich dem Retten geliebter Dinge verschrieben haben und muss natürlich dort unbedingt über mein persönliches t’Atelier-Erlebnis berichten!

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