4 Mode-Experten wagen einen Ausblick: Kann das Fashion-System nach Corona nachhaltiger oder gesünder gestaltet werden?

Die Trendforscherin Li Edelkoort argumentiert, dass das Coronavirus eine „leere Seite für einen Neuanfang“ bietet. Sie bezieht sich damit auf die Veränderungen, die aktuell in der Modebranche stattfinden. Erste Tendenzen konnte man in den vergangenen Saisons spüren: Runway-Schauen wurden weniger und oftmals digitaler, Nachhaltigkeit rückt weiter in den Fokus und der Saisonstart, ob Frühjahr/Sommer oder Herbst/Winter, verschiebt sich immer mehr.

Ist es wirklich Zeit für einen Neuanfang? Welche Auswirkungen hat die Krise auf verschiedene Berufsbilder innerhalb der Industrie? Und wie sähe sie aus, die Modewelt unserer Träume? Wir haben vier Branchen-Insider nach ihrer persönlichen Situation und ihren Einschätzungen zur Lage der (modischen) Nation gefragt. Carolin Dunkel, Inhaberin und Einkäuferin des Berliner Shops April First, Stylist Tim Tobias Zimmermann, Franziska Nellessen, Brand Director bei Edited, und Jennifer Dixon, jahrelang Modechefin bei der InStyle und heute Mitbegründerin des Onlineshops the wearness sowie stellvertretende Chefredakteurin der Jolie und Grazia, sprechen über Entschleunigung, Nachhaltigkeit und die Mode im digitalen Wandel.

Carolin Dunkel, Inhaberin und Einkäuferin von April First

Als Familie verbringen wir gemeinsam wesentlich mehr Zeit mit unserer kleinen Tochter als sonst, was sicherlich die angenehme Seite dieses Lockdowns ist. Auf der anderen Seite ist die berufliche Herausforderung in diesen Zeiten eine der Größten, da ich als klassisches Geschäft jetzt komplett improvisieren und kreativ denken muss.

Mir droht nicht das Aus, weil ich immer sehr vorsichtig gewirtschaftet und keine festen Angestellten habe, sondern momentan nur Aushilfen auf Stundenbasis beschäftige. Die Krise trifft mich trotzdem mit voller Wucht, weil ich für die Laufende und kommende Saison geordert habe und nun auf meinen Waren sitzen bleibe. Ich habe mit einigen Labels und Agenturen direkt gesprochen, um auszuloten, wie der nicht unerhebliche Schaden aufgefangen werden kann und man zeigte mir die kalte Schulter. So bitter es für mich ist, so sehr verstehe ich die Marktmechanismen, die unsere Branche weltweit sehr hart getroffen hat, weshalb ein Jeder erstmal nur an sich selber denkt.

Ich erziele nicht ansatzweise die Umsätze, die ich bei laufenden Geschäft habe. Was auch nicht das Problem wäre, wenn ich nicht ein Produkt habe, was in ein bis zwei Monaten nur noch die hälfte Wert ist. Und da sind wir auch beim aktuellen Thema der Branche. Die Krise zeigt sehr deutlich, in was für einen Hamsterrad sich die Modebranche in den letzten Jahren entwickelt hat. Zu viele und zu große Kollektionen in zu kurzen Zeitabständen, zu hohe Order-Budgets besonders an kleine Läden und die schnellen Reduzierungen das ganze Jahr über.

Ich versuche die Krise pro-aktiv nutzen, um mich neu auszurichten statt mich hinter dem Erlernten wohlig einzurichten. Deshalb gibt es seit dem 01.04. mit dem Gründungsdatum vom physischen Store vor vier Jahren, nun auch einen neuen Onlinestore. Es ist wirklich sehr gut gestartet und wir hoffen sehr, daß wir damit einigermaßen durch die Zeit kommen.

Ich denke, es ist wie bei der Musikindustrie. In den 70er waren es Vinyl, 80er bis vor kurzem die CDs und jetzt Streaming. Trotz der Veränderung haben alle Produkte bis heute ihren Platz im Markt. So sehe ich das in der Mode eben auch. Die Technologie wird die Veränderung erzwingen und dem Althergebrachten seinen Platz zuweisen. Bestenfalls existieren sie in veränderter Gewichtung nebeneinander her.

Die derzeitigen Geschäftsmodelle, Strukturen und Prozesse  innerhalb der Modebranche werden sich durch die Digitalisierung und Vernetzung massiv verändern. Trotzdem glaube ich, dass das Erfassen von Form und Größe, Stoff, Muster, Schnitt der dominierende Einflussfaktor einer Kaufentscheidung bleiben wird. Und ganz klar überwiegt für mich der persönliche Kontakt mit den Kunden. Wie oft entscheidet sich der Kunde im Store für ein Teil was er online nie „angefasst“ hätte. Der Überraschungseffekt bleibt aus und man bleibt beim Altbewährten und Gewohnten.

Wenn man die Krise als Chance begreift, dann sind gewisse Branchenzweige wie etwa die Fast-Fashion-Industrie sicher gut beraten, wenn sie umdenkt und ihre Standards zeitgemäßen Anforderungen anpasst. Dazu gehört auch, geltende Schutzmaßnahmen durchzusetzen. Gott sei Dank bringt uns das Virus dazu, unsere Systeme gründlich zu überdenken. Das trifft auch auf Firmen wie Primark, Zara & Co. zu. Bleibt zu hoffen, dass sie die richtigen Schlüsse daraus ziehen, indem sie beispielsweise auch weniger Ware in größeren Zeitabständen auf den Markt bringen. Das entlastet nicht nur die Natur, es entschleunigt auch den Markt. Es schafft Räume für kreative Ansätze und lässt hoffentlich mehr Raum für kleinere Marken und Geschäfte.

Wir sind als Store im Einzelhandel mit einem anhängendem Onlineshop nun auf den richtigen Weg. Direkter Kundenkontakt über Instagram ist aktuell mein Verkaufstool Nummer 1. Dafür braucht es ein Gesicht mit dem sich die Kunden identifizieren können. In meinem Fall übernehme ich beides. Allerdings finde ich es auch hier sehr schade, dass man mit weniger als 10.000 Followern keine direkte Verbindung zum Onlinestore hat. Mit anderen Worten ist man damit einfach zu uninteressant für Instagram.

Insbesondere die nachwachsende Generation will in ihrem Kauf was Sinnhaftes erfahren und das wird sicherlich für die großen Konzerne eine Herausforderung bleiben. Es gibt historische Momente in denen die Zukunft ihre Richtung ändert, und wir erleben das gerade. Ich denke nicht, daß es eine Formel gibt. Wichtig ist, achtsam und wachsam zu bleiben und sich im Außen nicht zu verlieren.

Carolins Modewelt der Träume:

Im Prinzip gibt es die Tendenz zu weniger ist mehr schon seit einigen Jahren und ich hoffe, dass die Krise für alle ein Weckruf und Anstoß ist, lokaler und nachhaltiger zu handeln. Und dass es eben nicht nur ein Hashtag wie #supportyourlocal auf Instagram ist.

By Edgar Ber

Tim Tobias Zimmermann, Stylist

Da mein Beruf als Stylist vom Umgang mit Menschen lebt, bin ich sehr von der Krise betroffen. Alle Produktionen wurden auf ungewisse Zeit verschoben. Ich pendle zwischen London und Berlin, wo ich derzeit sozusagen „fest sitze.“ Meine Wohnung in London steht also leer und in der momentanen Lage gibt es keine Aussicht darauf, wann ich wieder zurückkehren kann. Die Corona-Krise trifft Stylisten und Kreative im Modebusiness besonders hart, da es uns ohne die Zusammenarbeit in einem Team fast unmöglich ist, unserem Beruf nachzugehen.

Ich glaube fest daran, dass wir aus jedem Ereignis etwas lernen können, ob dieses nun gut oder schlecht ist. Die momentane Entschleunigung kann uns helfen, die Situation nüchtern zu betrachten. Die Modewelt dreht sich so schnell, dass wir als Beteiligte oft vergessen, genauer hinzuschauen. Man wird überwältigt von Informationen und Arbeit. Ich selbst würde die Chance nicht als „leere Seite“ beurteilen, wie es die Trendforscherin Li Edelkoort getan hat.

Denn es wäre ignorant, die vielen cleveren und engagierten Köpfe zu übersehen, welche bereits seit einigen Jahren viel Energie und Kraft in Projekte stecken, welche die Zukunft der Modewelt gestalten werden. Wir sollten auch nicht erwarten, dass dieser Change über Nacht geschieht. Die größte Chance, die die Krise bietet, beginnt bei jedem einzelne von uns. Wir sollten uns darüber bewusst werden, wie gesteuert wir von unserem eigenen Konsum, digital und physisch, gesteuert werden. Um eine Gegenthese zu stellen, würde ich behaupten, dass die Krise uns ein Werkzeug schenkt, um die Regeln der Modewelt umzuschreiben.

Runway-Shows sind nur die Spitze des Fashion Eisbergs. Abseits der Shows finden viele persönliche Meetings in Showrooms und Ateliers statt. Für Insider sind diese Begegnungen viel wichtiger. Ich sehe die Kollektionen hautnah, halte sie in meinen Händen und fühle die Materialien, höre die Geschichten hinter den Designs. Das System und vor allem der Nutzen der Schauen hat sich in den letzten Jahren sehr verändert, da es sich heute mehr um die Inszenierung der Marke dreht, als um die Darstellung der Mode selbst. Während früher Einkäufer und Redakteure die Ränge füllten, besetzen heute Influencer wichtige Plätze. Dieser Aspekt ist enorm wichtig geworden, da durch sie eine breitere Masse Zugang zu Mode „straight from the runway“ erhält.

Um zurück auf das Bild des Eisbergs zu kommen: Die internationalen Modenschauen werden weiterhin Teil des Fashion Business sein. Sie bieten den Brands Raum zur Inszenierung und eine Plattform, um Träume zu schaffen und Geschichten zu erzählen, die begeistern. Diese Faszination wird nicht nachlassen, weder auf der Seite des Betrachters noch auf Seite der Akteure. Dass dies auch in einer digitalen Form oder in kleineren Rahmen geschehen wird, kann ich mir gut vorstellen. Dennoch, der größte Teil der Arbeit steckt im Verborgenen und ist deshalb umso wichtiger. Dieser direkte Kontakt mit Mode kann und wird niemals in einem digitalen Kontext möglich sein.

Meine Arbeit als Stylist lebt von einem Zusammenspiel zwischen dem digitalen und physischem Kontakt mit Mode. Zu Anfang der Saison sehe ich die Mode in Showrooms und Präsentationen, während der Saison wähle ich diese Mode aus digitalen Lookbooks aus, um am Ende wieder mit dem physischen Produkt (die Kleidung) am Set zu arbeiten. Ich glaube, der Beruf des Stylisten hat sich bereits sehr gut an die neuen Umstände der Digitalisierung angepasst und ein großer Teil des Austausches geschieht bereits durch digitalen Kontakt. Es ist dennoch wichtig Mode abseits vom Bildschirm zu sehen, zu erleben, zu berühren.

Ich würde gerne glauben, dass sich etwas grundlegendes bezüglich Fast Fashion durch die Corona-Krise ändert. Jedoch ist das eine sehr privilegierte Sicht auf die Dinge. Einerseits, da nicht nur der Markt bestimmt, was wir kaufen, sondern wir selbst die Nachfrage regulieren. Andererseits sind viele Menschen nicht in der Lage ihren Konsumdrang auf so einem nachhaltigen Niveau auszuleben, wie es derzeit mit Fast-Fashion möglich ist.

Es ist wahr, dass immer mehr Stimmen Nachhaltigkeit fordern, diese Stimmen kommen aber meist auch aus einer sehr privilegieren Perspektive. Gerne vergessen wir die 13-jährige Schülerin, die bei ihren Freundinnen dazugehören will und ihr Taschengeld bei Primark ausgibt, um jede Woche angesagte Mode zu tragen. Nachhaltigkeit ist kein Problem der Mode, es ist ein soziales Problem. Denn was wird geschehen, wenn wir diesem 13-jährigen Mädchen, die Möglichkeit nehmen, sich durch Mode schön und bestätigt zu fühlen? Für diesen Fall hat die Mode kein Sicherheitsnetz.

Ich setze mich seit längerem mit dem Privileg der Nachhaltigkeit auseinander und es benötigt meiner Meinung nach drei Komponenten, um eine Veränderung zu bewirken. Der Konsumentder sein Mindset gegenüber Konsum ändert, die Unternehmendie ihre Produktion und Herstellungsprozesse überdenken sowie unsere Gesellschaftdie versuchen sollte, eine Umgebung zu schaffen, in der Nachhaltigkeit kein Privileg mehr ist.

Nachhaltigkeit beginnt zwar bei jedem einzelnen von uns, ein Erfolg ist aber nur in der Gemeinschaft möglich. Es ist daher umso wichtiger, dass wir unser Wissen teilen. Nur durch Bildung ist nachhaltige Veränderung möglich.

Unternehmen, die verstanden haben wie digitaler Austausch funktioniert, können die Krise nutzen, um sich selbst als Marke zu stärken und zeigen, dass sie mehr sind als eine leere Hülle. Es ist wichtig, dass Unternehmen sich nahbar und „ohne Filter“ nach außen präsentieren sowie den direkten Kontakt zu Kunden halten. Transparente Kommunikation ist der Schlüssel.

Persönlich beschäftige ich mich gerade mit der neuen Saison (Herbst/Winter 2020), welche kurz zuvor in Paris, Mailand, London und New York gezeigt wurde. Ich schreibe Reviews und arbeite an Konzepten, wie ich die Mode in redaktionelle Geschichten einbinden kann. Wir hoffen natürlich alle, dass wir bald wieder in Teams produzieren dürfen. Trotzdem arbeite ich auch an Ideen wie ich in der aktuellen Situation Editorials umsetzen kann. Eine Produktion ohne direkten Kontakt zwischen mir und dem Fotografen bzw. Model ist bereits in-the-making. Es findet hier also definitiv ein Umdenken statt. In jeder Herausforderung verbirgt sich eine Chance.

Tims Modewelt der Träume:

Ich glaube, meine Traum wäre ein Zustand wie damals zur Zeit meiner Großeltern. Mode hatte einen anderen Stellenwert in ihrem Leben. Dem Schneiderhandwerk wurde mehr Beachtung geschenkt und mehr Respekt gezeigt. Es wurde nicht maßlos gekauft, sondern ausgewählt und reflektiert. Trotz der vielen Vorteilen, welche die Digitalisierung mit sich gebracht hat, hat sie den Konsum maßgeblich verändert. Wir wollen alles sofort und so günstig wie möglich. Wir denken nicht darüber nach, dass das Produkt nicht einfach aus unserem Handy springen kann, sondern von Hand hergestellt wird. Meine Modewelt der Träume wäre eine, in der wir als Konsumenten endlich Verantwortung zeigen. Eine Welt, in der wir mit unseren Taten, die unterstützen, die versuchen das System zu ändern.  Das Schöne an meiner Idee, sie startet bei jedem selbst und der eigenen bewussten Entscheidung zur Veränderung.

Franziska Nellessen, Brand Director bei Edited

Mein Team und ich sind im Homeoffice und die Zusammenarbeit klappt, trotz räumlicher Distanz, sehr gut. Auch wenn ich den persönlichen Austausch zwischendurch doch sehr misse. Ich bin mit meinem Freund, der bereits in Kurzarbeit ist und unserer 10 Monate alten Tochter zuhause. Keine einfache Situation, da man ihr nicht erklären kann, dass Mama jetzt mal im Zimmer nebenan für ein paar Stunden nicht verfügbar ist. Aber sowohl im Team als auch zuhause versuchen wir natürlich das Beste aus der Situation zu machen.

Auch wir mussten unsere stationären Geschäfte voerst schließen (Unser Wien Store ist seit dieser Woche wieder geöffnet). Wir richten uns nach den jeweiligen Vorgaben und Empfehlungen der Politik, wobei die Gesundheit unserer Mitarbeiter und Kunden an erster Stelle steht.. Wie hart es Branchen trifft, sehe ich bei meinem Freund und Bekannten, die zum Beispiel in der Event- und Musik-Branche  tätig sind. Dort ist so gut wie alles abgesagt oder für längere Zeit auf Eis gelegt. Und natürlich sind momentan alle Freelancer wie Stylisten und Visagisten sowie Fotografen, mit denen wir normalerweise regelmäßig zusammenarbeiten, arbeitslos. Niemand produziert aktuell.

Bei unseren Wholesale-Partnern ist die Stimmung durchmischt. Viele Läden versuchen die für jetzt georderte Ware zu stornieren oder Bestellungen zu shiften. Unser Wholesale Team ist hier sehr bemüht individuelle Lösungen zu finden. Die Design und Marketing Teams können bisher zum Glück einigermaßen „normal“ weiterarbeiten. Für Aufgabenbereiche wie Fittings, Shoots und Events müssen allerdings Alternativen gefunden werden.

Ich denke, diese Krise bestärkt den wachsenden Wunsch der Gesellschaft nach mehr Verantwortungsbewusstsein und Nachhaltigkeit in allen Lebensbereichen. Die momentane Vollbremsung gibt vielen Menschen sowie Unternehmen die Chance, ihr Leben bzw. ihr Geschäftsmodell zu überdenken. Alte Muster – wie anti-zyklische Drops, also Bikinis im Februar und Mäntel im August, zu viele Kollektionen pro Jahr und ständige Sales – haben jetzt die Chance durchbrochen zu werden.

Und jetzt, da alle viel Zeit Zuhause verbringen, fällt auch sicherlich vielen erstmals auf, wie viel unnützes Zeug sie besitzen, das sie eigentlich nicht wirklich brauchen, von Kosmetik über Kleidung bis hin zur Einrichtung. Auch Unternehmen sollten die die Chance ergreifen und sich auf ihre Stärken fokussieren und die eigenen USPs noch besser herauszuarbeiten.

Ich hoffe, dass die Krise einen positiven Einfluss auf die Modebranche und die Geschäftsmodelle haben wird. Aktuelle Trends der Branche – immer mehr Kollektionen, schnellere Drops und ständige Sales – werden hoffentlich überdacht. Die Geschwindigkeit, die diese Branche aufgenommen hat und der damit verbundene Konkurrenzdruck sind schädlich für alle Beteiligten, von der Umwelt ganz zu schweigen. Die aktuelle Situation führt gezwungenermaßen zu einer Entschleunigung: Designer launchen Pre-Fall als Fall. die Herbstkollektionen werden verkleinert, als Resort neu interpretiert oder ganz gestrichen.

Hoffentlich werden sowohl Kunden als auch Unternehmen realisieren, dass Qualität vor Quantität gehen sollte. Es ist doch so viel besser und sinnvoller, weniger und bewusster zu konsumieren. Und ich hoffe übrigens auch, dass Mode-Events nicht mehr nur auf Masse setzen, sondern wieder verstärkt auf ausgewählte kleine Happenings mit Liebe zum Detail.

Ich denke – und das merkt man ja auch gerade jetzt sehr – dass der Mensch ein soziales Wesen ist, der soziale Kontakte braucht, um sich sicher und verstanden zu fühlen. Natürlich werden sich Onlineshops weiterhin optimieren und noch mehr digitale Services anbieten, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass der stationäre Handel komplett wegbricht. Es ist einfach zu schön auch mal die Lieblingsboutique zu besuchen, sich zu auszutauschen, die neuen Objekte der Begierde anzuprobieren und sich inspirieren zu lassen.

Starke Konzepte wie Zara, die Laufsteg-Trends in kürzester Zeit für die schmale Brieftasche umsetzen, werden sicherlich weiterhin Bestand haben. Ich hoffe aber sehr, dass auch diese Unternehmen ihre Arbeits- und Produktionsweisen anpassen. Faire Arbeitsbedingungen, ein durchdachtes Rohstoff-Sourcing und CO2-minimierter Transport machen es unmöglich, einen Gürtel für 4€ anzubieten. So etwas darf es auf dem Markt einfach nicht geben. Auch wenn Unternehmen hier weit mehr Verantwortung tragen müssen, sollte man auch als Konsument nicht unterschätzen, dass man mit seinem Konsumverhalten Veränderungen bewirken kann.

In sich geschlossene Konzepte mit einer starken Markenbotschaft und einem USP – egal ob große oder kleine Unternehmen – können profitieren. Konsumenten sind gerade sehr darauf sensibilisiert, die kleinen Geschäfte um die Ecke und lokale Unternehmen zu supporten. Ich hoffe, dass uns diese Mentalität auch nach der Krise erhalten bleibt. Und dass wir wieder bereit sind, für gute Produkte oder Dienstleistungen gerne den angemessen zu Preis zahlen und nicht nur online nach Schnäppchen suchen.

Faire Arbeitsbedingungen, ein durchdachtes Rohstoff-Sourcing und CO2-minimierter Transport machen es unmöglich, einen Gürtel für 4€ anzubieten. So etwas darf es auf dem Markt einfach nicht geben.

Ich hoffe, dass die Corona-Krise ein großer Schubs in die richtige Richtung für uns alle ist. Bewussterer, nachhaltiger Konsum und verantwortungsvolles Handeln aller Beteiligten muss das Ziel sein. Durch die Globalisierung hat der großteilige Shutdown unserer Wirtschaft Konsequenzen für Millionen von Jobs in Entwicklungsländern: Fabriken werden geschlossen, Mitarbeiter werden entlassen, kleine Zulieferer verlieren ihre Lebensgrundlage. Man kann sich die Konsequenzen für viele gar nicht richtig vorstellen. Wir können uns also kaum beschweren. Ich hoffe daher, dass besonders hier Hilfestellung durch Europa geleistet wird.

Zugegebenermaßen ist eine klimafreundliche Textilproduktion ein schwerer und langer Prozess, da sie ein sehr ressourcenintensiver Industriezweig ist. Wichtig ist aber die Erkenntnis, dass es diverse Möglichkeiten und Wege gibt, sich zu optimieren. Wir möchten eine von Grund auf nachhaltige und verantwortungsbewusste Marke werden und haben mit den Maßnahmen dafür bereits begonnen. In unserer aktuellen Kollektion sind 30% aller Materialien nachhaltig (hauptsächlich Tencel, Lyocel, Bio-Baumwolle und z.B. recycelte Baumwolle).

Ein weiterer Schritt ist, die Textilien dort zu produzieren, wo die Materialien herkommen, um lange Transportwege zu sparen. In der Frühling/Sommer 2021 Saison werden wir schon bei 50% nachhaltigen Materialien liegen. Es gibt noch weitere Bereiche, an denen wir bereits arbeiten: Umweltfreundlichere Verpackungen, Abfallreduzierung und die stetige Verkleinerung des ökologischen Fußabdrucks. Wichtig ist natürlich auch unser Mindset als Team. Beispielsweise produzieren wir verstärkt in Deutschland und Europa, unternehmen weniger Flugreisen und versuchen mit Models aus Europa zu arbeiten. Es gibt also verschiedene Stellschrauben, an denen man als Marke drehen kann.

Natürlich stehen wir hier noch am Anfang, aber ich bin der festen Überzeugung, dass man als modernes Modeunternehmen nachhaltig und verantwortungsbewusst handeln muss, sonst hat man keine Zukunft auf dem Markt. Nicht nur Konsumenten möchten sich mit dem Kauf eines neuen Lieblingsteil von EDITED gut fühlen, sondern auch wir als Mitarbeiter haben ein sensibilisiertes Bewusstsein für eine Brand zu arbeiten, die für ökologische, ethische und soziale Grundwerte einsteht. Ein Schwachpunkt der Branche ist die sinnvolle Rückführung von Kleidung in einen Kreislauf. Auch hier überlegen wir gerade, was wir als Unternehmen anbieten können, wenn die Kleidung beim Kunden ausgedient hat.

Franziskas Modewelt der Träume:

Die Modewelt meiner Träume wäre wieder freier und inspirierender mit verschiedensten Brands, stationären Geschäften, bunten Magazinen, coolen Online-Plattformen und vor allem einem zirkulärem Konsum – eine Kreislaufwirtschaft, in der Kleidung nicht für die Tonne produziert wird. Verantwortungsvolle Produktion auf Seiten der Brands und Kunden, die bereit sind den angemessenen Preis für fair produzierte Ware zu bezahlen.

Jennifer Dixon, Mitbegründerin von The Wearness

Ich bin im Homeoffice zuhause und arbeite sowohl für unser Start-up the wearness, einen Marketplace für nachhaltige Mode & Beauty, das ich mit Julia Zirpel, Guya Merkle und Karolin Helou 2017 gegründet habe, als auch in meinem zweiten Job als stellvertretende Chefredakteurin für die Magazine Grazia und Jolie. Ich lebe in Hamburg mit meinem Freund und unserem Hund. Die täglichen Spaziergänge mit ihnen sind mein Highlight und kleine Flucht, wenn mir dann doch mal die Decke auf den Kopf fallen sollte.

Bei the wearness arbeiten wir mit dem Sortiment der Firmen, haben aber selbst keine Ware vorrätig. Wir vermitteln den Verkauf, verschickt wird vom Label selbst. Momentan ist die Lage bei manchen Firmen sehr schwierig. Einige wissen gerade nicht, wann und ob sie überhaupt beliefert werden, da ihre Produktionsstätten in Italien und anderen betroffenen Ländern liegen.

Viele der Marken, die wir bei the wearness führen, arbeiten aber zum Glück mit Produkten, die saisonunabhängig und daher zeitlos sind. Außerdem wird das meiste davon in Deutschland produziert, was das Ganze für uns etwas einfacher macht. Bislang können wir relativ normal weiter arbeiten.

Wir sind ein junges Start-up, das aus uns vier Gründerinnen sowie einer Werkstudentin besteht. Geschäftsräume haben wir nicht, arbeiten schon immer im Homeoffice. Somit sind wir selbst zum Glück nicht ganz so stark von der Krise betroffen.Was wir aber deutlich spüren, ist die allgemeine Verunsicherung in der Bevölkerung und die daraus resultierende Kaufzurückhaltung.

Nichtsdestotrotz glauben wir, dass diese Krise absolut eine Chance ist – gerade für die Nachhaltigkeit! Wir können ja jetzt genau die Abhängigkeiten sehen, die die Globalisierung mit sich bringt. Grosse Unternehmen übernehmen gerade nicht wirklich Verantwortung. Sie stornieren Aufträge und bringen tausende von Menschen in eine katastrophale Lage – das vor allem auch, weil sie eben nicht lokal produzieren und in sehr verzweigten Mechanismen festsitzen. Kleine Unternehmen, die nachhaltig, lokal oder aber verantwortungsbewusst im Ausland produzieren, sind nicht so sehr von Abhängigkeiten betroffen und können weitermachen und aufgrund des Impacts, den sie verfolgen, lassen Sie auch Ihre Produzenten nicht hängen.

Dazu kommt, dass die Konsumentinnen und die Gesellschaft gerade merken, dass Entschleunigung nicht nur funktioniert, sondern gut tut und nötig ist. Natürlich ist die aktuelle Situation für uns alle sehr hart, aber sie zeigt uns auch, dass Dingen der Zukunft anders funktionieren können oder müssen.

Wir glauben, dass die Runway-Shows, so wie wir sie bisher kannten (mit einem riesigen Tross an Leuten, die teilweise für nur eine einzige Show um die Welt fliegen) schon vor der Krise nicht mehr zeitgemäß war. Es war an der Zeit das ganze System zu überdenken, mit oder ohne Corona. Für die Zukunft können wir uns zum Beispiel sehr kleine intime Schauen vorstellen – zurück zu den Anfängen der Haute Couture Shows. Als Moderedakteurin weiß ich, dass es wichtig ist, die Kollektionen nicht nur zu sehen, sondern auch anzufassen. Aber der Modekalender ist zu voll mit Messen, Shows und Terminen. Da muss einfach sortiert werden!

Wir lernen ja aktuell in Rekordgeschwindigkeit, wie gut Videokonferenzen und andere digitale Formate im Büroalltag funktionieren. Genauso schnell werden wir auch lernen, dass wir bei Präsentationen – egal ob Runway- Shows, Messen oder Presseveranstaltungen – nicht immer live dabei sein müssen. Wir glauben stark daran, dass Technik und Digitalisierung ein Ausweg für viele der Probleme in der Mode sein können.

Momentan beschäftigen wir uns stark mit dem Gedanken der „Circular Economy“. Wir leben in einer Welt endlicher Ressourcen und sollten nachhaltiges Wirtschaften, dass ökonomischen, ökologischen und sozialen Profit vereint belohnen. Und wie die Modeindustrie es schaffen kann, ihr immenses Müllproblem durch einen Kreislauf-Ansatz lösen zu können. Hierfür werden wir die Digitalisierung benötigen.

Leider sehen wir ja gerade, dass große Konzerne nicht unbedingt mit Verantwortung und guten Taten punkten. Sie kommen zum Beispiel Verträgen nicht nach, nehmen bestellte Ware nicht ab, stellen nicht um auf Produktion von Schutzkleidung etc.Wir haben the wearness gegründet, um eine Alternative zu bieten für Kunden, die ohne schlechtes Gewissen kaufen möchten. Wir glauben daran, dass Mode und Shopping Spaß machen können und sollen.

Deshalb sind wir gerade jetzt stolz, mit Labels zu arbeiten, die nicht nur wunderschöne Produkte anbieten, sondern eben auch ethische und ökologische Standards einhalten (zum Beispiel Hanna Fiedler – hier gehts zum Closet Diary). Am Ende entscheiden wir als Kunden, wie sich die Industrie verändern soll.

Meiner Meinung nach werden digitale Konzepte von der Krise profitieren – das sehen wir ja jetzt schon sehr deutlich – aber auch Ideen und Projekte, die auf Gemeinschaft setzen. Die aktuelle Situation zeigt, wie fragil unser Wirtschaftssystem ist. Kaum ein Unternehmen schafft es, drei bis vier Wochen Lockdown zu überstehen. Das deutet darauf hin, dass Wachstum und Gewinnmaximierung um jeden Preis und als oberstes Ziel nicht unbedingt eine solide Grundlage sind. Unternehmen sollten immer auch gute Akteure der Gesellschaft sein. Nachhaltigkeit bedeutet, dass nicht sofort jeder gekündigt wird oder Partnerschaften gecancelt werden.

Die Unternehmen, die Wachstum und Profitmaximierung nicht als oberste Prämisse nehmen, sondern sich solide und organisch aufgestellt haben, die können von dieser Krise auf jeden Fall profitieren.

Es gibt ja schon Stimmen, die vor der Corona-Krise auf mehr Solidarität untereinander aufmerksam gemacht haben und laut waren. Diese werden hoffentlich noch mehr, da die Krise verdeutlicht, wo die Probleme sind. Uns sollte klar sein, dass die Modewelt nicht ausschließlich wegen Corona vor Herausforderungen steht, denn die gab es schon seit langem. Es wäre fatal, wenn wir das System nach der Krise genau so wieder aufbauen würden. Es ist an der Zeit, zu entschleunigen und aufzuzeigen, welche Verantwortungen Unternehmen in dieser Welt tragen.

Jennifers Modewelt der Träume:

Verantwortungsvollere Konsumenten. Mehr Qualität statt Quantität. Circular Economy, in der entsorgte Kleidung als neue Ressourcen verstanden werden. Regulatoren der Politik, die Firmen zu mehr Verantwortung erziehen. Wahrung der Menschenrechte und ökologischer Richtlinien.

Fotos via Instagram, Jennifer Dixon, Carolin Dunkel, Tim Tobias Zimmermann, Franziska Nellessen

Einleitung und Umsetzung von Katharina Hogenkamp

Kommentare

  1. Nennt mich Pessimistin, aber ich glaube nicht daran, dass das Gros der Menschen die Chancen, die diese Krise durchaus bietet, nutzen und so positive Veränderungen in Gang bringen werden. Ich glaube, die meisten wollen die Sache einfach nur durchstehen und möglichst schnell zum alten Status quo zurückkehren. Das vor allem in den sozialen Medien viel beschworene Bild der geläuterten Menschheit ist schönes Wunschdenken.
    Ich würde mich freuen, sollte ich mit dieser niederschmetternden Sicht falschliegen, und hoffe, dass es anders kommt. Nur der rechte Glaube fehlt mir.

    • Ich glaube es auch nicht und finde, Du hast es auf den Punkt gebracht. Die Mehrheit wartet, dass alles so schnell wie möglich vorbei ist, damit man wieder in altbekanntes, also Comfort -Zone zurückkehren kann. Ein neues Bewusstsein zu schaffen erfordert unglaubliche Wille und Kraft, Auseinandersetzungen mit sich selbst, Änderungen in Denk- und Verhaltensmustern. Und viele sind nicht bereit, dies zu tun. Eine eingesessene Gewohnheit lässt sich nicht so einfach ändern. Meine Hoffnung ist, dass uns auch die kleine Veränderungen, die in die oben beschriebenen Richtungen gehen doch möglich sind.

  2. Tolle Gedanken, Ideen & Ansätze, für die es in diesen ungewöhnlichen Zuständen endlich mal Raum und Zeit gibt sie tiefgehender zu beleuchten. Und wie Tim es sagt, es liegt wohl an jedem einzelnen (Konsumenten, Unternehmen und der Gesellschaft) dies danach auch fortzuführen. Danke für den inspirierenden Artikel!

  3. Liebe Carolin,
    „Allerdings finde ich es auch hier sehr schade, dass man mit weniger als 10.000 Followern keine direkte Verbindung zum Onlinestore hat.“ das stimmt so zum Glück nicht ganz.

    Du musst zunächst einen Shop auf Deiner Business-Facebook-Seite einrichten (dieser verweist letztendlich auf Deinen unabhängigen Shop) und diesen dann mit Deinem Business-Insta-Account verknüpfen. Einmal freigeschaltet, ist es so auch für kleine Insta-Profile problemlos möglich einzelne Shop-Produkte zu verlinken. Die Ansicht ist sogar ganz ansprechend gestaltet und ermöglicht es etwas zu stöbern.
    Es ist nur etwas mühselig, jedes Produkt zuvor bei FB einzupflegen.

SCHREIBE EINEN KOMMENTAR.

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Geben Sie einen Text ein

Geben Sie Ihren Namen ein