Suzy Menkes hat für die New York Times über den Streetstylezirkus, die Inszenierung, die Folgen und Modeblogs geschrieben. “The Circus of Fashion” ist sehr lesenswert, gerade weil Menkes über die 90er Jahre und die einstige Exklusivität der Modewelt schreibt:“We were once described as “black crows” — us fashion folk gathered outside an abandoned, crumbling downtown building in a uniform of Comme des Garçons or Yohji Yamamoto. “Whose funeral is it?” passers-by would whisper [...]“. Es zeigt eine Modewelt, wie wir sie nicht erlebt haben.

“Whether it is the sharp Susie Bubble or the bright Tavi Gevinson, judging fashion has become all about me: Look at me wearing the dress! Look at these shoes I have found! Look at me loving this outfit in 15 different images!” Und es ist wahr, Outfit-Blogger, die sich ausschliesslich mit ihrem Look beschäftigen, sind die populärste Form aller Modeblogs. Mit Reichweiten, die kein Magazin je erreichen könnte. Jedoch: Das Publikum entscheidet über den Erfolg, weshalb man dieser Art des Bloggens und diesem Geschäft damit im Prinzip keinen Vorwurf machen kann.

Am Rande bemerkt: Reines Outfit-Bloggen funktioniert in Deutschland übrigens nicht. Das geschriebene Wort, Themenvielfalt, eigens recherchierte Artikel: das erwartet der anspruchsvolle Leser – und nicht ausschliesslich ego-bezogene Looks aus 15 Perspektiven (auch wenn diese Bestandteil sind). Das finde ich persönlich sehr positiv.

Weiterhin kritisiert Menkes: “I can’t help feeling how different things were when cool kids loved to dress up for one another — or maybe just for themselves.”

Das ist nicht nur ein Problem der Modeblogs, sondern vor allem geprägt durch die “Editorialistas”, die Looks kreieren, die weit entfernt von der Realität sind, dafür aber  frisch vom Runway. Das wiederum zeigt ein Bild, das weder authentisch ist, noch etwas mit dem ursprünglichen Gedanken von Streetstyle-Fotografie zu tun hat. Auch wenn Scott Schuman meint, er würde diese Authentizität noch einfangen: Seine Fashion-Week-Bilder sprechen eine ganz andere Sprache.

Weiterhin geht es Menkes um Journalismus und dass sich nicht jeder Dahergelaufene Kritiker schimpfen darf (die Diskussion ist beinahe alt): “Many bloggers are — or were — perceptive and succinct in their comments. But with the aim now to receive trophy gifts and paid-for trips to the next round of shows, only the rarest of bloggers could be seen as a critic in its original meaning of a visual and cultural arbiter.”

Auch das ist wahr, und auch hier muss wieder zwischen den Medien und deren Intentionen unterschieden werden. Echte Modekritik, wie sie Menkes glücklicherweise noch betreibt, ist ohnehin ein rares Gut (und immer gewesen). Doch worum es am Ende des Tages geht, ist die Vermarktung und der Verkauf. Durch die Digitalisierung haben sich so viele neue Möglichkeiten aufgetan, dass das Business regelrecht explodiert, sei es allein durch Onlineshopping. Blogger werden zu Markenbotschaftern, kurbeln Verkäufe an, inspirieren, träumen und kreieren immer noch einzigartigen Content. Welche Modezeitschrift ist heute noch kritisch? Oder war es jemals? Auch hier bestimmen die Anzeigenverkäufe, was wo wie redaktionell aufgenommen wird. Auch hier sind Pressereisen alias “paid-for-trips” an der Tagesordnung.

Menkes schließt mit den Worten: “Perhaps the perfect answer would be to let the public preening go on out front, while the show moves, stealthily, to a different and secret venue, with the audience just a group of dedicated pros — dressed head to toe in black, of course.” Und zeigt Bilder des Gegenteils von “Look at me fashion”, dem understated Chic. Zu sehen sind die Französinnen Emmanuelle Alt von der Vogue Paris sowie Virgine Mouzat von der frz. Vanity Fair.

Das erinnert mich erneut daran, bloß so zu bleiben, wie man ist. Man ist kein Magnet für Streetstyle-Fotografen? Geschenkt! Hauptsache, man verkleidet sich nicht und fühlt sich wohl in seiner Haut. Das bedeutet aber nicht, dass man nur noch Schwarz tragen muss.

Die Krone setzten dem Ganzen dann diese Bilder von Tommy Ton aus New York auf (siehe Header). Chauffeur? Mais oui! Schirmhalter? Bei den Haute-Couture-Schauen obligatorisch! Neu ist jedoch, von zwei starken Händen getragen zu werden – der Schneematsch könnte schließlich die Pumps ruinieren. Und das ist nun wirklich Zirkus.

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Kommentare

14 Gedanken zu “The Circus of Fashion und Getragen werden ist das neue Gehen

  1. Toller Artikel, ich bin seit langem gelangweilt von Streetstyles, weil es eben alles “drüber” ist. Die “Anna Dello Russos” dieser Welt bekommen alle meinen Respekt und sie haben sicher alle ihre Daseinsberechtigung, aber es ist eben Zirkus und für mein Empfinden wenig inspirierend. Da sind mir die die Delevingne’s lieber, die sind authentisch und tragen hübsche Kleider, wie die Mädchen von nebenan.

    Darüber hinaus bemängel ich ebenso die Outfitblogger, die ohne ihre Fotografen, die einfach mal 90% des Erfolges ausmachen und Instagram einfach keine Inhalte hätten…

  2. My kind of article, super :)
    Ich muss auch sagen, dass die Entwicklung, die der Modezirkus durch “die Blogger” genommen hat, extrem geworden ist. Wo führt das hin? Klar, die Marken wollen ihren Umsatz erhöhen und dazu passt letztlich jedes Mittel. Wir reden hier schließlich nicht über Kunst. Oder? Genau das ist der Punkt. Seit das Internet so eine Macht ausübt und Blogger zu Botschaftern und Umsatzverstärkern geworden sind, ist die Frequenz, in der immer Neues erscheinen muss, deutlich höher geworden. Die neuesten It-Teile wechseln so rasant, die Leute sehen sich schnell satt – wo ist da noch die Zeit für echte Anerkennung und Einordnung? Mir scheint, es ist total egal geworden, warum ein Designer etwas genau so designt hat, die Hintergründe sind egal, Hauptsache, es sieht gut aus. Und diese furchtbare Anzahl an Kollektionen: Pre-Resort-Blubs-und-Bla. So entsteht doch keine Qualität, die von Dauer ist. Aber ich frage mich langsam wirklich, wollen das die Leute überhaupt noch?!

    Und on a side note: Deutsche Blogs wie Golestaneh oder Mija sind auch reine Outfit/hab-ich-gerade-neu Blogs… und scheinen recht erfolgreich zu sein.

  3. Dankeschön Jessie und natürlich dankschön Suzy für diesen Artikel.

    Es spricht mir einfach aus der Seele. Und apropos Seele, ich habe das Gefühl, dass die Modebranche dabei ist ihre zu verkaufen. Natürlich schätze ich es sehr, dass auch ich durch das Internet, zB durch Livestreams der Modeschauen und auch über die direkt berichtenden Blogger, fast unmittelbar an Fashionweeks teilhaben kann.

    Aber der Reiz des Exklusiven und Neuartigen lässt immer mehr nach. Die Reizüberflutung nimmt immer zu. Jedes Blogger- oder Streetstyle-Outfit wird nur immer noch überladener gestylt, um ja aus der Masse herauszustechen. Aber mittlerweile ist die Masse doch nur auch noch schrill, laut und bunt. Wer am lautesten schreit hat recht oder wie? Die Marken überschwemmen vor allem den Blogger-Markt mit Geschenken und sorgen damit dafür, dass ihre Mode zwar scheinbar massentauglich wird, aber gleichzeitig (zumindest für mich) auch erheblich an Wert verliert, weil man sich nach spästenstens dem 10. Blog, auf dem man die gleiche Tasche gesehen hat, schon daran satt gesehen hat.

    Die Fashionweeks ärgern mich bisweilen am meisten. Es werden hunderte von Bloggern nach New York eingeflogen, um dort an Shows teilzunehmen, von denen hinterher kaum jemand berichtet! Oder ist das nur mein Eindruck? Zum größten Teil werden nur die eigenen Outfit-Bilder präsentiert, geprahlt zu welchen Shows man es zum Glück very last-minute noch geschafft hat und wenn es ganz gut läuft bekommt der Leser noch ein paar verwackelte Instagram-Bilder präsentiert. Die gezeigte Kollektion? Wen interessierts.
    Selbst Elin Kling schrieb diese Woche, dass sie es als positiv empfunden hätte, dass durch den Schneesturm Nemo ein großer Teil des drumherum-Geposes ausfallen musste und der Fokus wieder mehr auf den Schauen lag.

    Ich lese jeden Tag diverse Blogs und liebe es, aber leider habe ich die Befürchtung, dass durch diese Art der “Demokratisierung” der Mode, ihr der besondere Charme abhanden kommen wird…

    • Sehr schön geschrieben, Kathi, da kann ich Dir nur zustimmen!
      Ich persönlich finde es mittlerweile schwer, für mich neue lesenswerte Blogs zu finden, da sehr viele sich sehr vom ,Style’ her ähneln. Die Blogs, um die es so einen Hype gibt, lese ich mittlerweile gar nicht, das geht mir so auf den Nerv.
      Aber die Blogger sind teilweise selbst schuld, da sie sich toppen wollen, da sind die schrillsten Outfits irgendwann nur noch total langweilig. Da kriegt man bei vielen echt das Gefühl, dass die echt nur von irgendeinem Street-Style Photographen abgelichtet werden wollen, damt sie dann irgendwo im Inernet zu finden sind. Ah:Sponsoring sollte in einem ,Bloggerleben’ nicht alles sein, finde ich.

  4. seitdem Bloggermädchen es schaffen ( bzw. das geld zusammen bringen) die gehypten ouftifts mit dem “buy the complete look” bottom in den einkaufskorb irgendeines luxus online shop zu stopfen und dann bilder ins netz zu stecken und dafür riesige fluten an herzchen und “ohhs” zu ernten ist meiner meinung nach trend- oder modegespür nichts mehr wert. schade eigentlich.

  5. “The opposite of look-at-me fashion: leave it to the French to master understated chic.” Damit sagt Menkes im Grunde das, was im weltweiten Modezirkus fehlt und womit die Franzosen schon immer herausgestochen haben: dem effortless-chic. Unverkrampft,ungezwungen, nicht aufgesetzt und trotzdem schick und elegant – der Nachbar hat einfach das beste Händchen dafür und verdient eine absolute Vorreiterrolle!

  6. Toller, toller Artikel. Es ist wahrlich ein Zirkus geworden, die wenigsten Outfits sind wirklich noch eine Inspiration – meist zu abgehoben, realitätsfern, nicht authentisch. Am tollsten finde ich (schon immer) die Voguettes aus Paris. Ihr Stil ist in allen Outfits wiedererkennbar, alles ist tragbar und vor allem erkennt man ihren Stil in jedem Outfit wieder (keine Modeopfer).
    Was du über The Sartorialist schreibst sehe ich auch genauso. Sobald Anna dello Russo vermehrt auf seinem Blog zu sehen war, habe ich aufgehört den Blog zu lesen. Garance Dore hingegen finde ich mit der einzige, gute Modeblog, denn sie ist wirklich authentisch und ich mag ihren Stil – französisch, tragbar, aber trotzdem immer das gewisse Etwas, das zeigt, dass sie modisch up-to-date ist. Ich glaube vor ein paar Wochen hat sie einen Post über das Geldmachen mit Blogs geschrieben. Sehr aufschlussreich. Sie bekommt wohl einiges umsonst – von Reisen bis Klamotten – aber auf ihrem Blog ist nichts davon zu sehen.
    Auf der anderen Seite finde ich Blogger wie Chiara Ferragni/The Blonde Salad genauso bewundernswert – ein Mädchen hat einen Traum von der Modewelt und möchte das erleben. Und zieht es dann durch. Mein Stil ist es nicht, ich finde auch keinerlei modische Inspiration in solchen Blogs, allerdings finde ich Motivation und Inspiration für das eigene Berufsleben! Das ist ja auch nicht schlecht.

    Dass solche Outfit-Blogs in Deutschland nicht möglich finde ich eigentlich schade. Bzw sie sind möglich und es gibt sie auch, aber sie sind bei weitem nicht so erfolgreich wie die ausländischen Konkurrenten. Woran das liegt, mag viele Gründe haben, aber ich denke es hängt auch viel damit zusammen, dass in Deutschland viel und gerne kritisiert und auch gemeckert wird und vieles wird einem auch einfach nicht gegönnt (Stichwort gesponserte Posts) und man steht als Blogger, der damit auch Geld verdienen möchte, konstant in der Verteidigungsposition. Das ist mir in vielen Bereichen schon aufgefallen, “Sozialneid” ist ein großes Thema in Deutschland.
    In den USA ist das zB ganz ganz anders. Da wird jeder unterstützt und gelobt für das was er macht und immer das positive hervorgehoben. Das mag manchen zu oberflächlich sein, aber es hat auch seine guten Seiten (vor allem eine positivere Atmosphäre, man kann sich als Mensch besser entfalten).

    Letztendlich sollte man solche Outfitblogs nicht abwerten, nur weil man selber nicht zur Zielgruppe gehört. Es ziehen ja schließlich alle einen Nutzen daraus – die Unternehmen, die Modebranche, die Leser und natürlich die Blogger selber. Eine win-win-Situation sozusagen.

    Vielen Dank, Jessie, für diesen geistreichen Artikel!

  7. Gut geschriebener Artikel. Die Exklusivität der einstigen Modewelt mag abhanden gekommen sein, dennoch finde ich die Demokratisierung der Mode positiv trotz der Nachteile, die sich daraus ergeben haben. Was ich bei allen Modebloggern ganz wichtig finde ist Authentizität.

  8. Frau Menkes kennt den Fashion-Circus noch so wie er früher mal war,
    sagen wir in den 90ern. Aber wir leben nicht mehr in den 90ern. Durch das Internet hat sich vieles verändert und weiterentwickelt, auch in der Mode. Und ich bin froh darüber, dass alles zugänglicher geworden ist. Viele aus der “alten Garde” wollen das einfach nicht wahrhaben, dass die Zeiten sich verändert haben.
    Blogger sind nicht immer professionellen Modekritiker, sie geben lediglich
    ihre persönliche Meinung zu den Kollektionen ab. Ich kann mir doch selber aussuchen, welcher Kritik ich vertraue.
    Zur Weiterentwicklung gehört seit ein paar Jahren auch der Streetstyle- und Blogger-Hype. Der Erfolg gibt den Bloggern Recht. Wenn keiner ihre Blogs lesen würde, bekämen sie auch keine Aufmerksamkeit und keine Einladungen für die Shows.
    Ich genieße die Fashion Weeks, bin meistens auch in Mailand selber vor
    Ort. Wer Anna Dello Russo schon mal in Natura erlebt hat, der weiß dass sie
    eine Erscheinung ist. Sie wurde mal als Fashion Supernova bezeichnet, und das
    ist sie. Man kann sich ihr nur schwer entziehen.
    Wer selbst so kreativ ist, dass er keine Inspirationen braucht, so what. Der braucht sich das alles ja nicht anzusehen.
    Ich jedenfalls freue mich, dass alles so ist wie es ist. In erster Linie geht es natürlich um die neuen Kollektionen. Aber das ganze Drumherum, die Outfits
    der Blogger, Einkäufer, Editors usw. sind wahnsinnig inspirierend. Genau diese Vielfalt macht es aus. Und wenn es mal too much ist, auch egal. Selbstdarsteller gibt es überall. Mein Motto: Enjoy the Fashion-Circus!

  9. Gerade findet ebenfalls in New York eine ernst zu nehmende Konkurrenzveranstaltung statt. Auch dort geht es um das beste Bild, den (in unseren Augen) schrägsten Style und es wird gestylt, geföhnt und posiert. Manche Damen-und auch Herren- werden auf Händen getragen und an langen Leinen wird über den Parcours flaniert. Der Sinn und Zweck der Veranstaltung, die Wurzeln des Handwerks sind auch hier eher Nebensache.

    Es ist die berühmte Hundeschau von West-Minster in New York. http://www.spiegel.de/panorama/westminster-hundeschau-tausende-teilnehmer-in-new-york-a-882881.html

  10. Ich muss Frau Menkes recht geben, es ist ein großer Zirkus,
    zugegebenermaßen aber auch ein sehr unterhaltsamer. Die Zeiten haben
    sich nunmal geändert, und da muss auch eine Suzy Menkes mit klarkommen.
    Unauffällig mit ihrem “Quiff” war sie ohnehin selbst nie. Als editor oder fashion
    blogger muss man auch mal über sich selbst und den Zirkus lachen können!
    Das hier ist immer wieder schön: http://theartfulposer.blogspot.com

  11. Mit den Streetstyle-Looks und den Bloggern, die sie abbildeten und kommentierten kam die Mode-Demokratie. Endlich. Und diese Art von Demokratie ist dabei, das ganze Print-Business nachhaltig umzumodeln. Es gab Fotografen in Hochglanz-Magazinen, die für eine Modestrecke 100.0000,- Dollar bekamen, zuzüglich der 10.000-Dollar Mädchen, der Entourage und der Kosten für das gesamte Setting in der Südsee. Ich, als einfache Käuferin mit Spaß an Mode verbeuge mich weiterhin vor Celine und Co, und freue mich über gelungene (auch sündhaft teure) Kreationen, aber ich danke auch Journelles für die “echte” Aktualität und das Zeigen einer modisch orientierten Frauenwelt in der Realität – eben auf der Straße. Der Song “Video killed the Radio Star” könnte heute womöglich “Blogging killed the Print Editor” heißen.

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